Tim Cole: "Abwarten ist das Schlimmste"

"German Angst" und Selbstgefälligkeit lähmen Unternehmen, während der digitale Wandel alles durcheinanderwirbelt. Höchste Zeit, das zu ändern, sagt Experte Tim Cole. 

Tim Cole
Digital-Experte Tim Cole ist am 8. und 9. November auf der Personal Austria in Wien zu Gast
Tim Cole
Digital-Experte Tim Cole ist am 8. und 9. November auf der Personal Austria in Wien zu Gast

Mit dem Buch "Digitale Transformation" hat der deutsch-amerikanische Autor Tim Cole die deutsche Wirtschaft aus dem digitalen Dornröschenschlaf wachgerüttelt. Zumindest theoretisch. Auf der Personal Austria, Österreichs größter Fachmesse für Human Resources, ist er am 9. November 2017 als Keynote-Speaker zu Gast. Der Digi-Experte erzählt über digitale Gewinner, "German Angst" und was Chefs für die Zukunft endlich lernen müssen. 

 

Herr Cole, Sie sagen, dass sich in den nächsten 5 bis 10 Jahren entscheiden wird, wer zu den digitalen Gewinnern und wer zu den Verlierern gehören wird. Woran erkennt man einen digitalen Gewinner?

Tim Cole: Daran, dass es ihn noch gibt – anders als Firmen wie Nokia oder Blackberry, bei denen eine einzige Fehlentscheidung, ein Moment des Zögerns und der Unentschlossenheit genügt haben, um einen Milliardenkonzern auszulöschen. Um zu den digitalen Gewinnern zu zählen, gehören Mut und Tatkraft, entschlossenes Handeln und die Flexibilität, schnell und richtig auf Ereignisse und Entwicklungen zu reagieren, die wir uns heute überhaupt nicht richtig vorstellen können. Es ist ein Wettrennen mit der Zeit, und verlieren werden diejenigen, die das Tempo nicht mitgehen können oder wollen.

 

Ihrer Auffassung nach hinken Österreich und Deutschland bei der Digitalisierung hinterher. Warum ist das so?

Es ist eine Mischung aus „German Angst“ und Selbstgefälligkeit: „Was wollen Sie denn, wir waren doch in der Vergangenheit sehr erfolgreich!“ Was wir brauchen sind Manager und Unternehmer, die den Mut haben, sich und ihr Business notfalls neu zu erfinden. Leider ist dieser Mut gerade im deutschsprachigen Raum Mangelware. Aber: Jede Branche muss vor den Folgen der „Digitalen Disruption“ auf der Hut sein. Niemand wird verschont bleiben. Den einen trifft es früher - wie etwa die Reisebranche - , den anderen später, wie den Lebensmittelhandel, der gerade von Amazon überholt wird.

 

Was können die Unternehmen konkret tun, um die Digitalisierung voranzutreiben?

Anfangen! Abwarten ist das Schlimmste, was man jetzt tun kann. Zuallererst müssen wir die Vernetzung in unseren eigenen Firmen zu Ende führen. Es klaffen noch viel zu viele digitale Löcher in unseren Prozessen: Stellen, wo Information nicht fließen kann und schlimmstenfalls bereits digitalisierte Informationen ausgedruckt und woanders wieder eingegeben werden müssen. Solche „Digitalen Inseln“, wie ich sie nenne, gibt es in jedem Unternehmen. Wie wollen wir aber ein „Internet of Things“ schaffen, in dem alles mit allem vernetzt sein soll, wenn wir es nicht einmal in unseren eigenen Betrieben schaffen?

 

In welchen Bereichen müssen die Manager umdenken?

Ein ganz wichtiger Bereich ist Menschenführung. 75 Prozent aller Arbeitgeber in Deutschland lehnen das Konzept des „Home Office“ ab, weil sie ihren eigenen Leuten misstrauen: „Wenn ich dich nicht ständig im Auge habe, dann schaffst du nix, du fauler Hund!“ Die Mitarbeiter wissen das und machen sich ein Vergnügen daraus, den Chef zu überlisten.

 

Vielen Managern fällt es schwer, ihren Mitarbeitern mehr Verantwortung und Autonomie zu geben. Wie kann diese Skepsis abgebaut werden?

In Zukunft müssen Vorgesetzte in der Lage sein, ihre Leute zu Teams zusammenzuschweißen, in der jeder seine Rolle kennt und in dem sich Mitarbeiter autonom um Aufgaben kümmern, weil sie wissen, welches Ziel es zu erfüllen gilt. Das bedeutet aber: Chefs müssen ergebnisorientiert führen. Das können aber die allerwenigsten. Sie müssen starre Hierarchien abbauen und ihre Unternehmen als Netzwerk verstehen, in dem Wissen frei fließen und Entscheidungskompetenzen dorthin verlagert werden, wo sie am besten getroffen werden können. Anders ausgedrückt: Chefs müssen lernen, auch mal loszulassen.

 

Viele Mitarbeiter sehen in der Digitalisierung der Arbeitswelt auch eine potenzielle Bedrohung ihres Arbeitsplatzes. Teilen Sie diese Sorgen?

Roboter werden viele Jobs übernehmen, die heute von Menschen gemacht werden – aber betroffen sein werden vor allem diejenigen, die nicht oder nicht ausreichend qualifiziert sind. Wenn ihr Job langweilig, repetitiv und routiniert ist, wird er bald von einer Maschine besser und billiger gemacht werden. Kassiererin am Scanner im Supermarkt zum Beispiel, Bedienung in einer Firmenkantine, aber auch Investmentbanker – sie alle müssen die Konkurrenz der Maschinen fürchten. Übrig werden die Jobs bleiben, die anspruchsvoll und aufregend sind und ein hohes Maß an Kompetenz und Qualifikation erfordern. Das sind ja auch die interessantesten Jobs. Firmen sollten deshalb heute schon in die Qualifikation ihrer Leute investieren, denn auf dem freien Markt wird es die guten Leute kaum noch geben. Der Talentmangel ist heute schon für viele Branchen katastrophal und führt zu schmerzhaftem Umsatzausfall, weil Aufträge nicht mehr angenommen oder ausgeführt werden können – es ist keiner da, der den Job machen kann.

 

Gerade für ältere Mitarbeiter stellen die mit der Digitalisierung einhergehende Schnelligkeit und die veränderten Aufgabengebiete eine Herausforderung dar. Werden sie die Verlierer der Digitalisierung sein?

Wenn sie zu unflexibel sind und sich weigern, das Neue anzunehmen – ja. Aber digitale Kompetenz ist keine Frage des Alters – es ist eine Frage der Einstellung. Es gibt unter den sogenannten „Digital Natives“ ganz viele, die ein gebrochenes Verhältnis zu Digitalität und technologischer Innovation haben. Und es gibt Alte, die machen den Jungen auch in der digitalen Arbeitswelt noch etwas vor.

 

Wie können Arbeitgeber sicherstellen, dass alle Generationen an der Digitalisierung angemessen teilhaben und sie mitgestalten können?

Sie müssen sich anpassen und dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter die ihm entsprechende Arbeitsumgebung bekommt. Junge Menschen der sogenannten „Generation Y“ ticken anders als frühere Generationen. Sie sind ehrgeizig, aber Karriere ist für sie nicht alles. Sie fordern flexible Firmen der Arbeitsorganisation, etwa Elternzeit für beide, Teilzeitmodelle oder die Möglichkeit einer längeren Auszeit. Wer auf diese Bedürfnisse nicht eingehen kann oder will, der kommt für die nachwachsenden Talente einfach nicht mehr als Arbeitgeber infrage – und die Kids werden sich in Zukunft aussuchen, wo sie arbeiten wollen.

 

Welche neuen Fähigkeiten werden von Mitarbeitern künftig erwartet?

Sie müssen bereit und in der Lage sein, schnell neue Kompetenzen zu erlernen und mit neuen Tools umzugehen. Sie werden fähig sein müssen, im Team selbstbestimmt zu arbeiten und sich an Zielen, nicht an Zeiten auszurichten. Fakt ist: Der digitale Mitarbeiter von morgen hat niemals wirklich Feierabend: Er beantwortet auch nachts E-Mails, wenn er ohnehin am Rechner ist, und lässt sich am Ergebnis seiner Arbeit messen, nicht an abgesessenen Stunden. Dafür kann und soll er arbeiten, wann und wo er will – nämlich dann und dort, wo er am effektivsten ist. Niemand weiß das besser als er selbst.

 

Laut einer aktuellen OECD-Studie haben Globalisierung und Digitalisierung dazu geführt, dass sich die Schere zwischen hoch qualifizierten und Facharbeiter-Jobs geöffnet hat. Die Jobs der Mittelschicht werden vernichtet. Zeigt sich nun, dass die Digitalisierungs-Skeptiker recht haben?

Natürlich haben sie recht. Aber Skepsis ist die falsche Einstellung: Die Digitalisierung ist auch eine Riesenchance für die Mitarbeiter, selbst zu bestimmen, wann, wo und wie sie arbeiten wollen.

 

Inwiefern revolutioniert die Digitalisierung das Recruiting von jungen Talenten?

HR kann proaktiv auf Talente zugehen und sie für das Unternehmen gewinnen. Das setzt frühzeitige und nachhaltige Beziehungspflege voraus. HR darf nicht erst dann tätig werden, wenn eine Stelle aktuell zu besetzen ist. Idealerweise hat HR ein Pool von potenziellen Kandidaten längst gefunden und sich mit ihnen vernetzt. Aber der Arbeitsmarkt von morgen wird leer gefegt sein. Deshalb muss HR seine Bemühungen viel stärker darauf konzentrieren, verborgene Schätze im eigenen Unternehmen zu bergen: Mitarbeiter, die bereit und in der Lage sind, sich durch Qualifizierungsmaßnahmen weiterzubilden und eine freie Stelle zu besetzen, für die sie bisher eigentlich gar nicht infrage kommen.

 

Der Internetriese Google hat in Amerika kürzlich „Google for Jobs“ gestartet und steigt damit in den Bereich der Online-Jobbörsen ein. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein? Bringt eine Bündelung von Stellenangeboten bei einem Suchanbieter Vorteile für das Recruiting?

Für den Personaler, der nur routinemäßig seinen Job abarbeitet, gilt das, was ich gesagt habe, genauso: Er wird irrelevant werden und irgendwann von einer Maschine ersetzt. Viele Tätigkeiten in HR sind automatisierbar. Was übrig bleibt, sind die anspruchsvollen Tätigkeiten, die Empathie, Fantasie und Flexibilität erfordern. Aber das sind ja auch die Jobs, die am meisten Spaß machen.

 

Sprechen die Personalabteilungen die Sprache der „Digital Natives“? Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Es gibt, wie schon gesagt, keine „Digital Natives“, sondern nur Menschen, die dem Neuen gegenüber aufgeschlossen sind, und solche, die alles Neue ablehnen. 10 Prozent der Deutschen geben an, noch nie einen Computer benützt zu haben – und sie sind darauf auch noch stolz! Es geht weniger um Sprache als um Aufgeschlossenheit, Offenheit, Glaubwürdigkeit und Flexibilität. Ja, daran hapert es in vielen Personalabteilungen.

 

Welche Chancen bietet die Digitalisierung für den internen Kommunikationsfluss im Unternehmen?

Keine, wenn nicht gleichzeitig die Umstellung von einer hierarchischen „Wir da oben, ihr da unten“-Denkweise zu netzwerkartigen Strukturen vollzogen wird. Die Tür zum Chefzimmer muss immer offen sein.

 

Ist die Digitalisierung Fluch oder Segen für die Work-Life-Balance?

Richtig verstanden und gelebt, ist es eine riesige Bereicherung unseres Lebens. Denn in Wahrheit gibt es keine Trennung zwischen Berufs- und Privatleben: Du hast nur ein Leben – mach das Beste daraus.

 

Das Interview wurde in Kooperation mit Personal Austria geführt.

 

Hier geht's zum Programm:

www.personal-austria.at

 

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