New Work Experience: Dates am Schiff und viel Programm

Am Berliner Westhafen versammelte die Business-Plattform Xing Neudenker und Umgestalter, um über die neue Arbeitswelt zu diskutieren. Der New Work Award ging auch an Österreicher.

New Work Experience
750 Menschen, mehr als 40 Stunden Vorträge und Workshops an nur einem Tag (©Xing)

Xing wollte viel. Und es war fast zuviel, denn am Ende hatte ich vor allem eines: Das Gefühl, jede Menge verpasst zu haben. Die Location der New Work Experience, zu der 750 Menschen strömten, war imposant: Das Westhafen Event & Convention Center in der denkmalgeschützten ehemaligen Lagerhalle verströmte mit seinem roten Backstein den Charme vergangener Zeiten mit Fischkuttern und pfeifenden Hafenarbeitern. Drin, auf der Bühne im großen Saal ging das Spektakel los, bald breitete es sich auf weitere Räumlichkeiten in Form von Workshops aus und sogar zwei Schiffe waren von Xing gekapert worden, die gemütlich mit workshoppenden und einander datenden Teilnehmern die Spree entlang tuckern sollten.

Moderator Michel Abdollahi führte publikumswirksam mit frecher Schnauze durch den Tag und war kurz davor, dem einzigen krawattierten Mann im Publikum sein vorgestriges Statussymbol abzuschneiden, ehe derjenige sie doch im Fokus der Leinwand abnahm. 

 

Wir sind hipp, cool und modern, rief die Aufmachung des Events. Das WIFI funktionierte leider nicht wie geplant, auf Twitter beteiligten sich User im auf die Leinwand projizierten Live-Mitschnitt. Eine Userin kritisierte, dass lauter Männer um die 50 auf der Bühne über die Zukunft der Arbeit diskutierten. So sprach ein kämpferischer Thomas Sattelberger, Initiator und Schirmherr des New Work Award, über die Schattenseiten des Silicon Valley ("Ich habe es satt, dass  Firmen wie Uber auf Bühnen präsentiert werden, die innen führungsmäßig marode sind") und appellierte an Unternehmen, Arbeitsrealitäten zu verändern. Bodo Janssen, Chef der Hotelkette Upstalsboom, diskutierte mit dem ehemaligen Fußball-Trainer und heutigen Supermarktchef Holger Stanislawski, und dem Chef des Bundesheeres, Carsten Stawitzki, ob wir Alphatiere in den Führungsetagen benötigen. Der Tenor: nein, Mitsprache der Belegschaft sei wesentlich für den Unternehmenserfolg.

 

Federico Pistono, Blogger und Unternehmer, erläuterte, wie smarte Firmen mit wenigen Mitarbeitern und viel Technologie künftig Marktführerschaft erlangen. Er verlangte für die ebenso smarten Steuerflüchtlinge einen "new social contract": So bezahle Apple etwa hübsche 0,005 Prozent Steuern auf seine globalen Gewinne.  

An Frauen mangelte es auf der Hauptbühne leider: Nur die geniale New Yorkerin Tiffany Pham, die mit ihrem Frauennetzwerk onMogul.com ein Imperium aufgebaut hat, erzählte ihre Erfolgsstory. Im Publikum überwog der Frauenanteil. Daneben gab es diverse Workshops, unter anderem mit der Glücksministerin Gina Schöler und "Karma-Ökonom" Van-Bo Le-Mentzel, Anna Kaiser und Jana Tepe von Tandemploy und Seriengründer Fried Große-Dunker von Dark Horse Innovation (Interviews folgen an dieser Stelle). 

 

Frithjof Bergmann
NewWork-Erfinder Frithjof Bergmann mit Marc-Sven Kopka im Gespräch (© Xing)

Der Erfinder von New Work

Für jede Menge Rührung im Publikum und eine dreiviertel Stunde zeitliche Rahmenssprengung sorgte Frithjof Bergmann, der Begründer des Begriffs "new work" und Erfinder des 3D-Druckers. Er appellierte an Unternehmen, den Blick auf die Menschen und ihre Fähigkeiten zu richten:  „Die Welt ändert sich galoppierend! Die neue Kultur verdrängt die alte Kultur, die zum Glück im Sterben liegt. Der Ansatz der sterbenden Kultur war ein Menschen zähmender Ansatz, aber Menschen sollen vor allem gestärkt werden. Das ist, was wir brauchen!“

Eine spannende Idee für gezieltes Networking waren die Slow Dates der Wiener Initiative DNA - Das Neue Arbeiten von Christiane Bertolini und Marcus Izmir: Teilnehmer konnten inspirierende Persönlichkeiten und New Worker für Dates buchen, unter anderem auf einem Schiff. Bei einem Slow Date interviewte ich Bodo Janssen, sein inspirierendes Interview findet ihr in den nächsten Tagen an dieser Stelle. 

 Für den New Work Award ausgezeichnet wurden nach Erstellung der Shortlist durch eine Expertenjury und einem Online-Voting, bei dem mehrere zehntausend Stimmen abgegeben wurden:

 

Kategorie "Etablierte Unternehmen":

1. Platz: Cisco

Das Telekommunikationsunternehmen gibt seinen rund 1000 Mitarbeitern großen Vertrauensvorschuss und viel Eigenverantwortung. So können sich diese nicht nur den Arbeitsort, sondern auch die Arbeitszeit frei und spontan einteilen.

2. Platz: „Traum-Ferienwohnungen“. Für die 2001 gegründete Bremer Reise-Plattform sind über 120 Kollegen selbstorganisiert in gemischten Teams ohne Führungskräfte tätig.

3. Platz: TELE Haase: Auch Österreicher räumten ab: Das 90-köpfige Team von „TELE Haase“ aus Wien bildet eine intelligente Organisationsstruktur, die sich ohne Hierarchie selbst steuert und damit sehr rasch auf neue Herausforderungen reagieren kann.

 

Kategorie „Junge Unternehmen“:

1. Platz: Edition F

Am überzeugendsten war das Netzwerk Edition F, das Frauen ein digitales Zuhause bietet. Mit seinen vielfältigen Maßnahmen wie geteilte Führungspositionen und Mitarbeiterbeteiligung sind die Berliner ein vorbildlicher Arbeitgeber. Die beiden Gründerinnen Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert (siehe Slideshow) nahmen den ersten Preis von Gero Hesse entgegen, Geschäftsführer von Territory Embrace und HR-Blogger.

2. Platz: Pippa & Jean: Über den zweiten Platz konnte sich das Frankfurter Unternehmen Pippa & Jean freuen, das sich zum Ziel gesetzt hat, Jobs zu schaffen, die sich nach dem eigenen Leben richten und nicht umgekehrt.

3. Platz: Leadership³

Das Unternehmen sieht sich selbst als großes Experimentierfeld für Selbstorganisation. Die eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten machen die Berliner anderen zugänglich.

 

 

 

Kategorie "New Worker":

6 Influencer der neuen Arbeitswelt wurden ausgezeichnet: (siehe Slideshow)

Ali Mahlodji: Der Österreicher mit iranischen Wurzeln inspiriert Jugendliche als EU-Jugendbotschafter und Chief Storyteller bei der von ihm mitgegründeten Video-Plattform WHATCHADO, ihren eigenen Weg zu gehen.

Lena Felixberger: Die Wahl-Berlinern schnitt vor 15 Jahren noch die Haare ihrer Nachbarn, heute ist sie Unternehmerin und Chefin ihrer eigenen Online-Plattform „Descape“.

Julia Kümper: Trotz schwerer Erkrankung absolvierte sie ihr Studium in der Regelstudienzeit und initiierte nebenbei u. a. die größte bundesweit aktive Praktikumsbörse für Studierende der Sozialwissenschaften.

Sven Franke: Seit dem Start seines vielfach ausgezeichneten Projekts AUGENHÖHE ist er ein gefragter Keynote Speaker, Organisationsexperte, -denker und Entwickler neuer Arbeitsformate.

Hermann Arnold: Der Mitgründer von Haufe-umantis ermutigt sowohl Kollegen im eigenen Unternehmen als auch Kunden und Leser seines Buches „Wir sind Chef“ dazu, mit gezielten Experimenten mehr Innovation in der Führung zu wagen.

Christa Weidner: Mit dem Projekt „Freelance IT“ möchte sie anderen Selbstständigen Sorgen nehmen und ihnen helfen, rechtssicher und erfolgreich ihre Kunden zu betreuen.

 

 

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