Jam-Session mit Inspiration

Was müssen Unternehmen anders machen? Der Corporate Culture Jam versammelte New-Work-Pioniere und Mutmacher.

                                                                                                                                                     © Sebastian Judtmann

Ein Jam, keine herkömmliche Konferenz sollte es werden.  Es sollte um den Wandel in den Unternehmen gehen, um innovative Unternehmenskultur und neues Arbeiten. Welche Art von Konferenz reißt die Gäste heutzutage noch vom Hocker? Das fragten sich Sabine Prettenhofer von der Agentur Identitäter und Sonja Prodinger von Succus Wirtschaftsforen. Bald war klar:

Wir müssen die Gäste involvieren. Also versammelten sie kurzerhand zehn potenzielle TeilnehmerInnen zum Design Thinking Workshop. Daraus kreierten alle gemeinsam 32 Ideen, davon zwei nicht jugendfreie, die wohl nicht ins Endkonzept Eingang fanden. Doch auch so konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Zum Corporate Culture Jam in der Wiener Ankerbrotfabrik strömten Führungskräfte aus den Bereichen HR, Innovation und Geschäftsführung. Jede Menge Speaker waren eingeladen, um in zwei parallelen Keynotes an zwei Tagen ihre Erfahrungen und Inspirationen zu New Work zu teilen - darunter Führungskräfte von Amazon, Mondi, DHL Express und IBM. Gejammt wurde auch wortwörtlich, nämlich mit dem fulminanten Piloten-Trio Jetlag Allstars, das einen musikalischen Bogen entlang des Events spannte.

 

Robo-Reigen

Am Beginn war der launige und extramotivierte Dietmar Dahmen, früher Kreativdirektor in Agenturen wie Ogilvy oder DDB, heute Chief Innovation Officer bei ecx.io und gefragter Speaker und Innovationsexperte. Wir erfuhren, dass im Oktober letzten Jahres das erste Uber-Auto ohne Fahrer auf die Straßen kam und dass im Dezember das erste von Robotern gesteuerte Passagierflugzeug in den Himmel abhob. Dass Roboter nicht nur die besseren Chirurgen, sondern etwa in China bereits die besseren Lehrer sind. Dass Algorithmen die effizientere Mitarbeiterplanung veranlassen. Und dass japanische Kundinnen im Kosmetikshop den süßen Roboter Pepper nicht nur zu Make-up und Haarspray befragen, sondern ihm auch ihre Ängste und Sorgen anvertrauen. 

Im ersten Jam - so nannten sich die Mini-Diskussionsrunden im Plenum -  erarbeiteten die TeilnehmerInnen in Kleingruppen Fragen, die sie vom Kongress beantwortet wissen wollten: Wie durchbreche ich die Innovationsschallmauer? Wie gehe ich Innovation im Unternehmen an, wenn keiner will?

Auf den Podien der zwei Säle in der Ankerbrotfabrik fanden sich Pioniere des Neuen Arbeitens ein, die von ihren bisherigen Erfahrungen erzählten. In den dazwischengestreuten Jams sollte das Publikum immer wieder das Gehörte und Erlebte reflektieren.

Jean-Philippe Hagmann von Innopunk aus Zürich schlug  in seiner Keynote vor, dass Innovationsteams in Unternehmen mehr Freiraum als andere Mitarbeiter bekommen sollten, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. "Und dafür weniger Geld als die anderen", damit es nicht zu Neid komme.

Oliver Schmerold, Verbandsdirektor des ÖAMTC, erzählte vom Umzug aus dem veralteten Büro mit strikten Abteilungen und  einer Kultur, in der "Innovation" ein Unwort war,  in ein modernes raumschiffähnliches Gebilde mit offenen Räumen, offenen Haltungen und Mut zur Fehlerkultur. 

Doch Schmerold gab zu bedenken: "Ein neues Haus macht noch keine neue Unternehmenskultur." Viele Gespräche waren nötig, um die MitarbeiterInnen auch gedanklich mitzunehmen. Der Umzug ins neue Büro war also auch ein Umdenken in den Hirnen der Mitarbeiter und der Führungskräfte - erreicht wurde das durch viele Gespräche, die Einbindung der Mitarbeiter in die Planung, viele Baustellenbesuche und Workshops. Meetings finden heute spontan im hauseigenen Cafe statt. 

"Es gab viele Einzelmaßnahmen, doch am Ende ging es um unser Selbstverständnis", sagte er. Am Ende teilten die Mitarbeiter alles bis auf den Schreibtisch - Desk Sharing hätte ihnen noch das letzte Plätzchen Sicherheit geraubt. 

 

Ein Spital wie ein Hotel

Auch so traditionelle Unternehmen wie die der Orden der Elisabethinen, die in Wien ein Krankenhaus und ein Kurhotel betreiben, beschäftigen sich mit Digitalisierung. Elke Müller, Leiterin des Immobilien & Betriebsservice der Elisabethinen, und Carina Trapl, Innovationsarchitektin bei theLivingCore erzählten von ihrem gemeinsamen Konzept, aus dem neuen Franziskusspital in Wien-Landstraße eine serviceorientiertes Begegnungszone zu machen: mit freundlichem Foyer, Tablets zur Information und ganztägigen A-La-Carte-Speisen statt reglementiertem Spitalsessen. Carina Trapl versuchte in der Innenarchitektur des Cafes, der Lobby und des Klostergartens die Werte der Elisabethinen mit Servicecharakter zu vereinen. 

Auch bei Swarovski in Wattens wurde die Belegschaft in ein neues Umfeld und eine neue Kultur geführt: Mit "Campus 311" wolle man demnächst eine neue Innovationskultur ermöglichen, erzählte Projektleiterin Martina Ertl. Im Konzept vorgesehen sind eine Cafe Lounge, eine Terrasse, Projekträume für flexible Projektteams, Kojen für den Rückzug, Stehtische mit Screens. Auch Senior und Top Manager werden im Großraumbüro ihren Desk haben. Man verfolgt auch das Prinzip des Desk Sharing, um mobiles Arbeiten zu fördern: Auf zehn Mitarbeiter kommen acht Arbeitsplätze. Ob sich das Konzept bewährt, wird ab April 2018 beim Einzug spürbar werden.

Birgit Höttl berichtete über den Kulturwandel bei Papierhersteller Mondi. Aus dem kennzahlengetriebenen globalen Konzern mit 25.000 MitarbeiterInnen weltweit sollte ein offenes, agiles Unternehmen werden. Den abgewohnten, behördenartigen Standort in Wien tauschte man gegen ein offenes, modernes Büro mit Themenräumen zum Entspannen und Open Space. "Das führte schon zu großer, emotionaler Aufruhr", gab Höttl zu. Die Belegschaft forderte fixe Arbeitsplätze, auch die Top-Manager blieben bei ihrem eigenen Büro. In Workshops und Sessions versuchte man auf die Bedürfnisse der MitarbeiterInnen einzugehen und sie auf die Umstellung einzustimmen. (etwa: wie verhalte ich mich gegenüber KollegInnen im Open Space). In Arbeitsgruppen mit jungen MitarbeiterInnen soll das Konzept weiter geöffnet werden. Deren Vorschläge sind kreativ: Collaboration Spaces, ein hübscherer Coffee Corner, Mittags-Blinddates und Mystery Brainstorming, wo die KollegInnen im Intranet Ideen zu Fragestellungen sammeln. 

Daneben gab es noch einige spannende Vorträge, unter anderem erzählte Fred Gratzer, Corporate Culture Coordinator bei Marktplatz-Anbieter willhaben.at, über seine besondere Position als Feelgood- und Kulturmanager.

 

Auch selbst konnten die TeilnehmerInnen neue Methoden ausprobieren: In Workshops erprobten sie Design Thinking im Recruiting, Scrum für Teams, Business Model Generation und Lean Start-up.  Wer lieber selbst dabei sein will, hat bald Gelegenheit dazu: Am 27. und 28. September gastiert der Corporate Culture Jam in Bonn und am 15. und 16. Mai 2018 erneut in Wien. 

 

Infos: www.corporate-culture-jam.at

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Andreas Rath (Montag, 29 Mai 2017 23:34)

    Spannende Praxisberichte!
    Wir können bestätigen, dass sich im Entwicklungsprozess beim ÖAMTC die intensive Partizipation voll bewährt hat. Kontinuierliche, ehrliche Kommunikation, intensive Kooperation im Projektteam, frühes Testen offener Arbeitsplatzkonzepte, Einholen von Expertenwissen und Praxiserfahrungen anderer Firmen waren einige der Erfolgskriterien dieses Vorzeigeprojektes.
    Mehr Praxiswissen beim Basecamp NewWork: http://www.bag.at/aktuelles.html#bc73573d-8450-4e49-42b0-2c5839bccdfc

    Andreas Rath
    BRAINS AND GAMES