Wann wird es endlich wieder normal?

Ob in der Firma oder im Selbstständigen-Dasein: Wir hoffen, sie geht schon wieder vorbei, die ungute Veränderung. Doch warum ist sie eigentlich so unbeliebt?

© Pixabay
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Turn and face the strange

Ch-ch-changes

Don't want to be a richer man

Ch-ch-ch-ch-changes

Turn and face the strange

Ch-ch-changes

There's gonna have to be a different man

Time may change me

But I can't trace time.

David Bowie, "Changes"

 

Jetzt haben wir uns erst gerade daran gewöhnt und jetzt soll schon wieder alles anders sein?"

Die Kollegin verdreht die Augen. Das Management hat soeben in einer Nacht- und Nebelaktion beschlossen: Abteilungen werden zusammengelegt, Zuständigkeiten verschoben. Weil: so wie bisher geht es nicht weiter. Man will neue Wege gehen.

Natürlich überfordert das die Belegschaft. Und besonders klug ist es nicht, nach jahrelangem Stillstand plötzlich alles niederreißen zu wollen. Und das auch noch in patriarchaler Manier: von oben aufoktroyiert, delegiert. Doch egal, ob ein Unternehmen mit 180 km/h über den Change-Highway donnert oder mit angezogener Handbremse dahintuckert, eines ist klar: Veränderung erzeugt Widerstand.

In unserem Gehirn läuft das in etwa so ab: Du wirst im Außen in hohem Bogen aus deiner Komfortzone katapultiert, deine Amygdala im Limbischen System deines Oberstübchens kreischt "Alarm! Panik! Mammut kommt!" und dein System setzt erst einmal aus. Dann: Blockade. Stillstand. Kopf samt Amygdala in den Sand stecken.

 

"Wann wird es endlich wieder normal?"

Diese Frage hat auch Ilja Grzeskowitz in den vergangenen Jahren ständig gehört, wie er im Buch "Let's talk about Change, Baby" schreibt. (Das Buch kann ich nur empfehlen, es serviert pointierte Motivationskicks zur Veränderung). Der Change-Experte ist überzeugt: wir müssen lernen, mit Veränderung umzugehen. Es ist furchtbar anstrengend, sich mit neuen Dingen auseinandersetzen zu müssen. Da kann das Gehirn nicht mehr gemütlich auf Autopilot schalten. Zumal ja eh schon so viel zu tun ist. 

Früher gab es Normalität, dann eine Phase der Veränderung und dann wieder Normalität, sagt Grzeskowitz. Heute ist das anders, alles verändert sich immer schneller, die Taktung wird immer rasanter, keine Zeit fürs Durchschnaufen. Das überfordert uns alle.

 

Du selbst veränderst dich.

Und so veränderst du auch etwas in der Welt.

 

Der Experte meint, wenn alles in steter Veränderung ist,  müssen wir selbst für stabile Werte sorgen. 

Die Haltung: "ich lasse die Veränderung über mich ergehen und warte darauf, bis alles wieder normal ist" hat früher mal gepasst. Heute ist nicht nur realitätsfern, sondern auch schädlich. Denn es ändert sich was, und das ändert sich wieder, und das ändert sich ebenfalls wieder. Zack, bäm, tusch. Das sind riesige Wellen, die uns an ein fernes Ziel tragen, das wir noch nicht erkennen. Kein Wunder, das wir Angst haben. Wir selbst sind hier die einzige Konstante, wir müssen lernen, das Boot vertrauensvoll zu steuern. Wir müssen lernen, uns treiben zu lassen und bei Bedarf zu steuern. 

Change-ability, also Veränderungskompetenz, kann man lernen. Lern, gelassen zu sein. Entdecke eine neue Haltung, die dich den ganzen Change-Wahnsinn nicht nur ertragen, sondern vielleicht sogar nutzen lässt. 

 

Ein bisschen können da Angestellte wohl von Selbstständigen lernen. Ich habe viele Gründer getroffen, die eines auszeichnet: Gelassenheit, Mut und Grundvertrauen. Nicht jeder hat das angeboren.

 

Ich zum Beispiel war nie ein Ausbund von stoischer Gelassenheit und Mut.

Im Gegenteil. Ich zog die Komfortzone viele Jahre der Veränderung vor. Seit ich meinen Angestelltenjob an den Nagel gehängt habe - und das auch nur halbfreiwillig -  ist kein Tag wie jeder andere. Und das ist gut so. Das ist beängstigend, aber noch viel mehr ist es befreiend. Vor allem belebt es. Als Selbstständiger oder Gründer musst du ständig neue Entscheidungen treffen, lernst immer wieder neue Leute kennen und weißt nicht so genau, wie dein weiterer Weg verläuft. Oft kristallisiert sich die Geschäftsidee erst mit der Zeit heraus, plötzlich lernst du einen möglichen Kooperationspartner kennen, eine Tür geht auf, eine andere schließt sich. Dein Lebensgefühl ist: du bist im ständigen Fluss. Jederzeit kann etwas passieren. Etwas Gutes, etwas nicht so Gutes. Du bist gefragt. Du beobachtest, akzeptierst, entscheidest, agierst und reagierst. Dein Leben, dein Tun ändert sich täglich. Du selbst veränderst dich. Und so veränderst du auch etwas in der Welt, wie auch Grzeskowitz sagt.

 

Ich habe gelernt, die Veränderung zu lieben.

 

Diese Haltung kann man natürlich auch als Angestellter haben. Sie bewegt einen, macht wieder frisch. Und sie verhindert auch, dass man sich bei Change-Prozessen im Unternehmen ausgeliefert fühlt.

Ich habe Menschen erlebt, die froh waren, wenn sie im Unternehmen mal etwas anderes als Dienst nach Vorschrift machen konnten. Die sich für Nebenprojekte engagiert und dafür mehr Stress in Kauf genommen haben. Und ich habe die anderen erlebt, die jegliche Ideen und Anregungen mit einem "Wofür brauchen wir das?", "Das bringt doch nix", "Was ist ihnen da wieder eingefallen?" totgetrampelt haben. Ja, Widerstand ist anfangs normal, aber dabei sollte es nicht bleiben. Wirklich gute Leader lenken ihn in eine produktive Richtung.

 

Wenn Veränderung in deinem Job auf dich zukommt, hilft nur eines:  Bring dich ein, schlag was vor, mach mit. Mach dich zum Co-Akteur der Veränderung und du wirst nicht mehr hilflos und vergeblich darauf warten, dass alles wieder normal wird. 

 

 Liebe die Veränderung.

Im Idealfall ist deine Haltung so: Die ständige Veränderung ist dein kleiner Adrenalin-Kick. Du liebst die Veränderung, und wenn du sie schon nicht liebst, so akzeptierst du sie wenigstens. Du hast gelernt, das zu tun, denn die Alternative wäre: alles hinzuschmeißen.

Wir alle sollten die Veränderung etwas mehr lieben. Denn so ist das Leben. Alles fließt, einmal hierhin, einmal dorthin, manchmal steht das Wasser auch, bis es sich wieder mit neuem Schwung fortbewegt. Wer sich und sein Tun ständig ein bisschen verändert, bleibt lebendig. Und selbstwirksam.  Auch wenn es manchmal weh tut. Auch wenn es manchmal mega-anstrengend ist. Stillstand macht ohnmächtig und scheinlebendig. Und das will niemand wirklich, oder?

 

 

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