Change ist ein Rollercoaster

Manchmal haben wir alle Angst vor den Aufs und Abs der Veränderung. Daher machten ein Dutzend Führungskräfte den Selbsttest im Wiener Prater.

Rollercoaster, Achterbahn
© Nicole Thurn

Jetzt heißt es festhalten", raunt mir mein Sitznachbar, ein Mittvierziger, Projektkoordinator eines Software-Unternehmens zu. Der Waggon setzt sich in Gang. Ich fixiere die Schienen der Achterbahn, die sich in einem 80 Grad Winkel vor mir aufbauen. Oje, es geht steil bergauf. Gleich sind wir am Peak, und dann, - ein Stechen in meinem Magen setzt ein - wird es gleich mit 70km/h bergab gehen. Die Amygdala im Oberstübchen schreit: "Raus aus dem Wagen, spring! Noch kannst du überleben!" Ich bleib dann doch drin, nächster Gedanke: "Jetzt ist es zu spät, es gibt kein Zurück." Der Mann neben mir verkrampft sich sichtlich in Anbetracht des bevorstehenden Adrenalinschubs, wir lachen beide einander etwas verschämt zu. Ist ja lächerlich, hier im Wiener Prater Schiss zu haben.

Die Allegorie, die uns Helga Pattart-Drexler, Head of Executive Education, und Dozentin Kathrin Köster von der WU Executive Academy nahebringen wollen, geht auf. Wir haben Angst vor dem Ungewissen, vor dem Kontrollverlust, davor, dass Schlitten - oder Achterbahn oder Karussell - mit uns gefahren wird und wir nicht am Steuer sitzen, sondern dem Auf und Ab hilflos ausgeliefert sind.

Adrenalin, ein bisschen

Darum geht es in der "Rollercoaster Challenge" für Führungskräfte. Ein gutes Dutzend hat sich für diesen Nachmittag angemeldet, um am ultimativen Adrenalin-Wahnsinn teilzunehmen.

Na gut, wir befinden uns weder in einer staubigen Arena mit mordlüstern-schnaubendem Stier,  noch fallen wir gleich aus einem rostigen Kleinflugzeug in 4000 Metern Höhe. Aber die meisten von uns haben es sich schon zu lange in der kuscheligen Komfortzone gemütlich gemacht. Wir müssen hier im Wiener Prater auch gar nicht die Schwarze Mamba reiten, die mit 80 km/h mit kopfüber hängenden Passagieren durch die Luft schneidet. Die Achterbahn "Megablitz", das welthöchste Kettenkarussell und eine Geisterbahn sind uns Nervenkitzel genug.

 

Wir sollen nicht nur unseren Kopf nutzen, sondern all unsere Sinne, um mutig über unseren Schatten zu springen. Das hat uns Dozentin und Executive Coach Kathrin Köster zuvor im Seminarraum der WU Executive Academy erklärt. Erfahrungsbasiertes Lernen eben.

Und sie hat Charles Schultz, Erfinder der "Peanuts" zitiert:

 

"Unser Leben ist wie ein Fahrrad mit zehn Gängen,

aber wir benutzen meist nur zwei oder drei. Wir wollen heute ein paar Gänge raufschalten."

 

Als wir wieder zurück von unserem Prater-Ausflug sind, erleichtert mit feuchten Augen, adrenalin-verzerrtem Grinsen und weichen Knien im Seminarraum Platz nehmen, verstehen wir, was sie meint. Angst zu spüren und zu überwinden, das kann tatsächlich erhebend sein.

Dann das vielzitierte Beispiel vom Babyelefanten, der mit einer einfachen Fessel am Fuß aufwächst. Als er groß und ausgewachsen ist, versucht er erst gar nicht, sich zu befreien, obwohl es so einfach wäre. Uns Menschen, sagt Kathrin Köster, gehe es oft ebenso. "Wir versuchen gar nicht mehr, etwas zu verändern. Wir wissen gar nicht, was wir wirklich können, wie mutig wir eigentlich sind."

 

Die Angst vor Veränderung blockiere auch Unternehmen, doch: "Alles steht und fällt mit dem Individuum. Es ist der Einzelne, der handelt - oder eben nicht", sagt Kathrin Köster. Sie arbeitet mit sogenannten "Activates", mit Menschen in Unternehmen im Changeprozess, die der Veränderung etwas Positives abgewinnen, die neugierig und mutig die Sache in die Hand nehmen wollen. Sie können die Blockierer und Zauderer und Ängstlichen an der Hand nehmen und ermutigen, offen auf Neues zuzugehen. Köster stellt auch ihr integratives Modell der Organisationsentwicklung, die "12 Alignments" vor, mit deren Hilfe von Change durcheinandergewirbelte Unternehmen wieder in Balance gebracht werden können. Denken und Fühlen spielen hier eine entscheidende Rolle, im Zentrum allen Tuns steht der Sinn.

Wovor habt ihr Angst?

Die größte Schwierigkeit: Über Angst spricht man nicht. Schon gar nicht im Business. Hier sind wir nach außen hin tough und straight und performen, was das Zeug hält. Innerlich sind wir alle doch auch hin und wieder unsicher, ängstlich, verwirrt. Kathrin Köster fragt die TeilnehmerInnen: Wovor habt ihr Angst?

Vor unangenehmen Gesprächen. Vor Handlungsunfähigkeit. Davor, vor Menschen sprechen zu müssen. Vor Zeitinvestitionen ohne Resultat. Vor dem ersten Schritt und davor, nicht mehr aus der Sache rauszukommen. Die Erwartungen der anderen nicht erfüllen zu können. Den Druck und die Veränderungen nicht aushalten zu können.

 

Ganz schön viele Ängste für all die toughen Leute hier, denke ich.

Ich habe keine Angst, ich habe maximal Bedenken, sagt einer.

Bedenken sind die kleinen Geschwister der Angst, sagt Kathrin Köster. Die Management-Professorin kennt das aus ihren eigenen Erfahrungen: Sie schmiss ihre Forscherkarriere an der Universität Heilbronn vorläufig hin, gab gemeinsam mit ihrem Mann ihr Haus auf, ihr hübsch eingerichtetes Vorstadtleben, ihr fixes Einkommen, ihr fixes Leben, die vermeintliche Sicherheit. Nur um zu reisen und zu sehen, was noch so kommt. "Ich habe mich in meinem Haus so wohl gefühlt wie nie, ich war auch nicht unzufrieden", sagt sie. Aber es fehlten die Lebendigkeit, das Neue und die Lebensfreude.

Jetzt hilft sie Führungskräften, mindestens so mutig zu werden wie sie selbst. "Heute fühlt sich mein Leben frei an", sagt sie. Und wollen wir das nicht alle?

 

Gegen die Angst anzukämpfen bringt jedenfalls nichts. Man verliert nur wichtige Energie. Besser: sich darauf einlassen, die Angst anerkennen und dann loslassen. Und die Neugierde wecken, auf das, was kommt.

Das können wir lernen. In Workshops. In Coachings. Und übrigens auch im neuen Lehrgang für Führungskräfte des 21. Jahrhunderts, der gerade bis Juni läuft: "Pioneers of the 21st Century" an der WU Executive Academy.

 

 

 

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Nicole Thurn

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