Der 12-Stunden-Tag: Und die Uhr tickt rückwärts

12 Stunden am Tag, 60 Stunden in der Woche: Die Höchstarbeitszeiten werden nach oben gesetzt. Ein Rückschritt in Hinblick auf die neue Arbeitswelt.

12-Stunden-Tag
Pixabay

Jetzt kommt er also doch. In Zeiten, in denen in anderen Ländern progressiv mit Arbeitszeitverkürzung experimentiert wird - wie etwa in Schweden mit dem 6-Stunden-Tag - wird bei uns der 12-Stunden-Tag eingeführt.  Türkis-Blau hat damit den Unternehmen ein nettes Weihnachtsgeschenk gemacht, das auf Kosten der ArbeitnehmerInnen gehen wird.

Türkis-Blau will damit "den Wirtschaftsstandort stärken". Dieses Vorpreschen ist aber wohl eher ein Rückschritt, der nach ranziger old economy riecht und in Zeiten der Digitalisierung und zunehmenden Automatisierung vor allem in der Industrie nicht mehr zeitgemäß erscheint.

 

Freilich, der 12-Stunden-Tag soll Peak-Zeiten abfedern und nicht zur Regel werden, dient er doch nur als Höchstarbeitszeitgrenze.

Doch wozu eigentlich? Schon jetzt darf an 24 Wochen im Jahr bei erhöhtem Arbeitsbedarf 12 Stunden am Tag bzw. 60 in der Woche gearbeitet werden. Das gilt für Bereitschaftsdienste, Schichtbetrieb und Krankenpflege. Künftig soll das auf betrieblicher Ebene auch ohne diese Bedingungen und für alle MitarbeiterInnen gelten.  Das bringt den Firmen zweierlei: mehr Profit, weniger Kosten. Und legales Vorgehen.

 

Denn: Die 12-Stunden-Tage gibt es natürlich auch heute schon. Unter der Hand. Abseits des Gesetzes. Wenn MitarbeiterInnen einfach länger bleiben, weil sie Projekte fertigmachen oder Abgaben einhalten müssen, oder wenn sie auf eine Abendveranstaltung müssen. Dann schreibt man eben in der Arbeitszeiterfassung die Wahrheit, die dann korrigiert wird, damit es keine Probleme mit dem Arbeitsinspektorat gibt. Oder man schreibt gleich auf Anraten des Vorgesetzten falsche Zeiten rein.

Mit dem 12-Stunden-Tag wird also legalisiert, was in manchen Branchen - Journalismus, Anwälte, Agenturen - eh schon Praxis ist. Spannend wird es dann bei All-In-Verträgen, wenn keine Mehr- oder Überstunden abgegolten werden.

 

Den MitarbeiterInnen bringt die neue Regelung neben der totalen Erschöpfung zumindest mehr Freizeit am Stück, wie FPÖ-Chef H.C. Strache versprach - in der sie erst einmal verschnaufen müssen.

Die brauchen sie auch. Eine Studie von Gerhard Blasche und Daniela Haluza am Zentrum für Public Health der Meduni Wien zeigte im Frühjahr: Nach einem 12-Stunden-Tag benötigt man drei freie Tage, um sich wieder von der Erschöpfung zu erholen. Das anzubieten, wird in Hochphasen wohl eher nicht das Ansinnen der Unternehmen sein. Ein 12-Stunden-Tag beeinträchtigt nicht nur die Stimmung und die Gesundheit der MitarbeiterInnen, sondern natürlich auch ihre Produktivität. Die ForscherInnen hatten untersucht, wie sich die 12-Stunden-Tage in Pflegeheimen auf die Bediensteten auswirkten. Das Ergebnis: Nach zehn Stunden gibt es einen klaren Leistungsabfall bei den Pflegekräften. Ihre Übermüdung können sie in ihrer (nicht mehr vorhandenen) Freizeit kaum mehr abbauen. Ist auch am nächsten Tag ein 12-Stunden-Dienst angesetzt, steigt die Übermüdung weiter, die Produktivität sinkt. Das Risiko an Arbeitsunfällen nimmt zu, vermuten die Forscher.

Andere Studien zeigen: Schicht- und vor allem Nachtarbeit führen zu erhöhtem Risiko zu Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen. Je länger die Arbeitszeit, desto höher das Risiko.

 

Daneben dürfen wir auch nicht vergessen: In vielen Unternehmen herrscht eine zunehmende Arbeitszeitverdichtung. Es werden mehr Aufgaben von weniger Menschen erledigt, Übermüdete MitarbeiterInnen, die unproduktiv und unzufrieden sind, können für Unternehmen doch nicht wünschenswert sein.

 

Zurück im Fordismus?

Mich erinnerte die Idee  anfangs - die übrigens auch im SPÖ-Regierungsprogramm vorhanden war, in Kombination mit Gleitzeit -  doch schwer an die Anfänge des vergangenen Jahrhundert. An die Hochzeiten der von Fordismus und Taylorismus geprägten Industrialisierung, als MitarbeiterInnen noch als Arbeitsmaschinen betrachtet wurden, die man mit Effizienzsteigerung und Profitmaximierung  auspressen konnte.

Wobei, Moment: Henry Ford selbst reduzierte die Normalarbeitsstunden auf Anraten des Arbeitswissenschaftlers Winslow Taylor im Jahr 1914 von 9 auf 8 Stunden. Und er verdoppelte den Stundenlohn, eine damalige Sensation. Die Befürchtung von anderen, er würde damit seine Firma ruinieren, bestätigte sich nicht: Die Produktivität der MitarbeiterInnen schnellte nach oben. Er erkannte schon damals, dass weniger Arbeitszeiten und mehr Lohn zu mehr Motivation und deutlich mehr Produktivität führte. (Und Winslow Taylor sorgte dafür, dass die Arbeitsschritte so aufgeteilt wurden, dass ein "intelligenter Affe" sie machen hätte können.  Das ist, wie wir inzwischen wissen, das genaue Gegenteil von sinnerfüllter Arbeit und auch nicht sonderlich motivationsfördernd.) Henry Ford war zwar nicht gerade ein Feelgood-Manager, aber: Er hatte erstmals die MitarbeiterInnen in den Mittelpunkt gerückt.

 

Das sollten wir auch in der neuen Arbeitswelt tun und vielleicht mal die eigenen MitarbeiterInnen fragen, was sie brauchen, um auch in Hochphasen produktiv zu bleiben. Vielleicht sind sie für den 12-Stunden-Tag im Austausch gegen freie Tage. Wenn es sich in Grenzen hält und die MitarbeiterInnen auch einen Vorteil haben, ist gegen diese Art der Flexibilisierung in Einzelfällen (!) nichts einzuwenden. Es sollte aber nicht bequeme Regel werden, mit der "Ressource Mensch" so unachtsam umzugehen. Vielleicht liegt das Problem der Arbeitgeber ja auch ganz woanders: in verkrusteten Strukturen, mangelnder Weitsicht und einem Menschenbild aus den Anfängen der Industrialisierung.

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Nicole Thurn

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