Die Kunst des Gebens - und was sie mit New Work zu tun hat

Was wir alle - ob Führungskräfte, Entrepreneure oder Mitarbeiter - von Amanda Palmer und einer lebenden Statue in Boston lernen können.

Als Amanda Palmer, die feministische Sängerin mit der rauchig-rockigen Stimme, noch jung, unbekannt und mittellos ist, schminkt sie ihr Gesicht weiß, wirft sich ein Brautkleid über und steigt in der belebten Fußgängerzone von Boston auf eine Kiste, um als lebende Statue weiße Chrysanthemen zu verteilen. Die Menschen nehmen von der weißen traurigen Braut andächtig die Blumen und geben ihr dafür ein Dollarstück. Ab und an spendiert ihr sogar ein verwahrloster Obdachloser einen Dollar, die er auch lieber in einen Hot Dog oder eine Dose Bier oder einen Schlafplatz in der Notunterkunft investieren hätte können. An Sonnentagen verdient Amanda Palmer locker 100 Dollar in ein paar Stunden. Sie hat ein Grundbedürfnis der Menschen erfüllt.  "Die Menschen wollen gesehen werden", schreibt die Künstlerin in ihrem grandiosen Buch "The art of asking". Und sie freuen sich über die feierliche Überreichung einer Blume durch eine schräge Braut. Und das wiederum berührte Amanda Palmer.

Sie beschreibt auch, wie sie, indem sie selbst ihren Zuschauern etwas gab, viel zurückbekam. Der Blumenverkäufer verkaufte ihr Blumen zu einem günstigen Preis, ein Trafikant ließ sie auf seinem Balkon Pause machen. Die Menschen  warfen auch Fotos, Kaugummis, Telefonnummern und schriftliche Heiratsanträge in ihren Hut. Mit dem Akt des Gebens verlieh sie ihrer Bitte um Geld Würde. "Das Bitten ist wie ein Liebeshecheln", schreibt Amanda Palmer, "beim Betteln ist man bereits nackt und am Hecheln."

 

Die Menschen glauben, etwas haben zu wollen. Etwas nehmen zu müssen. Aber erst im Geben finden sie so etwas wie Zufriedenheit.

Ebenso verhält es sich mit dem Zurückgeben. Der Obdachlose freute sich über die Rose, über den Blick. Aber er wollte etwas zurückgeben. Das Zurückgeben ist eine Art Wiederherstellung zwischenmenschlicher Balance. Ein Vertrag in stiller Übereinkunft. Ein positive Aufwärtsspirale in einer Beziehung zweier Menschen, auch wenn sie nur einen Wimpernschlag lang andauert.

In der "alten" Arbeitswelt, die ja immer noch existiert, war es bisher ein Zeichen von Schwäche, andere um etwas zu bitten. Und anderen freiwillig etwas zu geben, passte nicht zum Konkurrenzdenken. Kraft einer machtvollen Position konnten wir von Untergebenen fordern. (dazu gehört auch die freundlich als Bitte verpackte Forderung, wenn Dinge getan werden müssen). Doch Leistung einzufordern, kommt dem Nehmen gleich.

Überall dort, wo die Einstellung des Nehmens überhand nimmt, machen sich negative Emotionen (Ärger, Neid, Eifersucht) und daraus resultierend Konflikte, Misstrauen und Missstimmung breit. Die Spirale nach unten nimmt ihren Lauf. Dann heißt es: "Die da oben machen was sie wollen. Die nehmen sich, was ihnen zusteht. Aber was ist mit uns? Wir müssen schauen, wo wir bleiben." Das Ergebnis: Frust. Die Maßnahme: Dienst nach Vorschrift und innere Kündigung.

 

Andererseits: Überall dort, wo das Geben überhand nimmt, entstehen fruchtbare Zusammenarbeit, Austausch, Motivation und neue Ideen. Die Spirale nach oben wird in Gang gesetzt. Wir agieren auf Augenhöhe, hören zu, nehmen  andere Sichtweisen an anstatt einfach nur zu nehmen.

 

Die Kultur des Gebens

 Die Frage stellt sich also: Was können Mitarbeiter und Führungskräfte tun, um eine Kultur des gegenseitigen Gebens zu etablieren? Und dadurch auch Veränderung zu ermöglichen?

Am besten vermutlich bei sich selbst beginnen. Geben kann man vieles: Informationen, Inspiration, einen freien Tag, Weiterbildungsmöglichkeiten, Wertschätzung, Ideen, Impulse.

 

Die neue Arbeitswelt braucht Menschen, die einander etwas geben wollen. Nur durch echten Austausch entstehen neue Ideen, neue Freiräume in den Köpfen, neue Sichtweisen. Mit Ansätzen der Collaboration können wir das Bitten einführen, das uns wieder zu Menschen macht. Menschen, die in Wahrheit stets andere brauchen, um weiterzukommen. In Form von gut durchdachten Feedbackrunden etwa. Oder über Social Networks und Apps, in denen sie Dokumente, Meinungen, Impulse zu einem Thema sharen.  Die Methode "Working out loud" von John  Stepper, die ich hier kurz beschrieben habe, zielt ebenfalls darauf ab: Menschen geben einander Feedback zu ihren Zielen und ihrer Arbeit, sie ermutigen und helfen einander. Sie bitten andere um Rat oder Tipps oder Unterstützung. Und erfahren, wie dadurch sie selbst, aber auch die anderen profitieren.

Denn der, der gibt, bekommt immer etwas zurück. Das hat auch Amanda Palmer erkannt.

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Nicole Thurn

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