NWX18: New Work und das Orakel von Elphi

Teil 1: Auf der Xing New Work Experience war alles überbordend: die Location, die Menschenströme und die Zahl der Vorträge. Die gängigste Prognose: Die Zukunft der Arbeit ist der Mensch.

 

Auf der Xing New Work Experience, der größten Konferenz zu New Work in Europa, standen  diese Woche die Menschen im Fokus. Eine Wohltat nach all den disruptions- und innovationsgeladenen Digitalisierungsdiskussionen der vergangenen Monate. Es ändert sich offenbar was, auf den Podien und im kollektiven Mindset. 

Menschen, davon gab es überall auf der NWX18 genug. Mehr als 1500 Menschen in der phänomenalen Elbphilharmonie, das ist schon ein besonderes Erlebnis. Das Programm mit 80 Rednern, 12 Bühnen und 40 Stunden Programm und sechs Locations war mehr als bombastisch – und etwas überfordernd. Zwischen den einzelnen Keynotes und Sessions waren null Minuten eingeplant, bei einem Wechsel zu einer anderen Location – zumindest in fünf bis 10 Minuten Gehweite – musste man schon mal auf der Straße in der Schlange stehen wie vor einem angesagten Club. Da ging sich so manche spannende Session zeitlich gar nicht mehr aus. Aber ich habe euch für den ersten Teil die spannendsten Erkenntnisse und orakelnden Inspirationen einiger Keynotespeaker zusammengestellt:

 

 1.       Prechts Predigt für die Muße und das Ende der (harten) Arbeit:

 Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht geht eingangs mit seinem Berufsstand nicht zimperlich um: „Die einzige Kompetenz von Philosophen ist die Inkompetenzkompensationskompetenz“, ruft er in die vollen Ränge der Elbphilharmonie. Ein Schelm, wer sich denkt, dieses tolle Wort treffe nicht nur auf Philosophen zu. Precht fordert zum Hinterfragen auf: Wir würden die Digitalisierung unterschätzen und oft nur von technologischen Veränderungen sprechen. Doch die bisherigen industriellen Revolutionen hätten immer auch gesellschaftliche Revolutionen nach sich gezogen. Mit der Dampfmaschine kamen die Bürgerrechte, mit der Elektrifizierung entstanden Marktwirtschaft und Mittelschicht.

 

Heute, zur Zeiten der vierten industriellen Revolution, hätten wir wieder die Chance auf Muße. „Die alten Griechen hatten soviel Zeit, dass sie die Demokratie, unsere ganze geistige Kultur erfunden haben“, sagt Precht. „Der freie griechische Mann hat nicht gearbeitet – das waren die Frauen, die Sklaven, die Ausländer. Und zukünftig werden das Roboter, Künstliche Intelligenz, Maschinen sein.“

 

Wenn die Arbeit für alle weniger wird, könnten die Menschen endlich tun, was sie wirklich wollen (ganz im Sinne des New Work-Begründers Frithjof Bergmann, der zu Konferenzende per Video zugeschaltet wurde). Und für die Stabilisierung der Gesellschaft sei das bedingungslose Grundeinkommen die beste Maßnahme, „am besten finanziert durch die Finanztransaktionssteuer“. Dass es den einen oder anderen dazu verleite, nichts mehr zu tun, könne schon passieren. „Aber wer dann nichts tut, tut auch heute schon nichts“, so Precht. „Viele werden dann erstmals die Zeit haben, zu überlegen, was sie tun wollen – aus einer inneren Motivation heraus.“

 

Technologien könnten uns viel Arbeit ersparen und so freie Zeit für Neues schaffen. Oft würde durch neue Technologien an der falschen Stelle gespart: „Ich koche für mein Leben gern mit Freunden. Ich würde niemals bei einem Online-Lieferservice bestellen. Ich frage dann immer: Wozu soll ich damit Zeit sparen? Damit ich dann auf der Couch sitze und im Internet bestellen kann?“ Und dann sagt Precht einen Satz, der bei mir lange nachklingt und der für viel Applaus sorgt: „Kooperation und Teilen sind nicht erfunden worden, weil einer allein kein Mammut erlegen kann, sondern weil einer allein kein Mammut essen kann.“ Das wahre menschliche Bedürfnis ist also: mit anderen etwas gemeinsam zu haben und zu tun.

 

   2.       „K.I. wird emotional intelligent“:

Danach interviewt Dominik Wichmann den K.I.-Experten Jürgen Schmidhuber. Er wird als Vater der modernen Künstlichen Intelligenz gehypt und hat mit seinem am Schweizer KI Labor IDSIA und der TU München lernende neuronale Netze entwickelt, die in Facebooks automatischer Übersetzung, Googles Spracherkennung, Apples iPhone und Amazons Alexa stecken. Jürgen Schmidhubers Ziel ist es, „etwas zu erschaffen, das über den Menschen hinausgeht.“ Er erzählt von einem emotional lernenden Roboter, den er mit seinem Team entwickelt hat. Der kleine Roboter ist mit Schmerzsensoren ausgestattet, die etwa anzeigen, wann sein Akku leer ist. Der kleine Roboter versucht daher, täglich drei Mal zur Ladestation zu kommen, um „Schmerz“ zu vermeiden. Als Nebenprodukt entstehe emotionale Intelligenz. Der Roboter wurde regelmäßig von einer Person geschlagen, die Sensoren meldeten „Schmerz“. Immer wenn der Roboter die Person sieht, versteckt er sich – er hat somit „Angst“ erlernt. Momenten seien wir noch auf dem Stand der „halben“ Künstlichen Intelligenz mit fünfstelligen Codes, die etwa Sprachen lernen könne. Bald aber gebe es die „volle“ Künstliche Intelligenz mit zehnstelligen Codes, die beliebige Probleme über Interaktionen löst und lernt, sich so zu verhalten, dass sie möglichst viel Belohnung erhält und Schmerz vermeidet – „so wie das auch Babies und Kleinkinder tun“.

 

KI wird bei der Problemlösung bald den Menschen übertreffen, ist sich Schmidhuber sicher. Und er wirft einen Blick in die Zukunft: „KI wird sich im Weltall ausbreiten, weil dort viel mehr Energie vorhanden ist. Ein neues Leben wird sich ausbreiten. Das Universum ist noch jung, der Mensch wird nicht Krone der Schöpfung sein, sondern mehr Steigbügelhalter.“ Brrr, das sorgt für einen kalten Schauer über den Rücken, Journalist Dominik Wichmann schließt mit einem Zitat: „I’m still confused, but on a higher level.“

 

3.       Janina Kugel: „Holen Sie jemanden ins Team, den Sie schwer aushalten“

 „Jahrhundertelang haben Menschen mit Händen gearbeitet, irgendwann kam Kopf dazu, heute ist es auch noch das Herz. Das unterscheidet uns von Maschinen.“ Mit diesem Zitat trifft Janina Kugel, Arbeitsdirektorin und Vorständin bei der Siemens AG, in ihrer Keynote direkt die Essenz der Konferenz.

 

Ihre Kernthese: Der Mensch bleibt in der Arbeitswelt essentiell - trotz aller Roboterisierung und Maschinisierung in der Arbeitswelt. „Die Arbeit, die für Menschen übrig bleibt, ist komplexer. Es sind Dinge, die mehr Empathie erfordern.“ Wir müssten uns nicht nur fragen, was und wie wir arbeiten wollen, sondern vor allem: Warum?

 

Auch was das agile Arbeiten angeht, eine zukunftsträchtige Form, wie Janina Kugel betonte, gab sie TeammanagerInnen einen spannenden Rat aus eigener Erfahrung: „Holen Sie jemanden ins Team, den Sie schwer aushalten. Jemanden, der ganz anders denkt als Sie. Ein diverses Team ist deutlich anstrengender, aber das Ergebnis wird besser.“

 

Nur wie kann man das Mindset im Unternehmen öffnen helfen?

„Auch wenn's schwer fällt: Walk the talk“, sagt Kugel. „Auch wenn es nicht immer zu 100 Prozent gelingen kann: Menschen können verzeihen, wenn man Fehler zugibt.“  Sie bekomme jede Woche Beschwerdemails über MitarbeiterInnen, die sich nicht ordentlich verhalten haben. „Dem muss man nachgehen.“

 

 

4.       Götz W. Werners Plädoyer fürs Menschsein im Unternehmen

 „Den Götz W. Werner wollte ich unbedingt mal sehen“, sagt eine Teilnehmerin neben mir. Götz W. Werner, Gründer von dm-drogeriemarkt und New Work Pionier, der schon vieles seit vielen Jahren im Unternehmen anders gemacht hat. So gibt es keine Anweisungen mehr, sondern lediglich Empfehlungen, die Filialen agieren selbstständig. Ein Mann, der sein beträchtliches Vermögen vor acht Jahren an eine gemeinnützige Stiftung überlassen hat, setzt sich für das bedingungslose Grundeinkommen ein: 1000 Euro für jeden im Monat.

Götz W. Werner sollte man einfach direkt sprechen lassen. Und das Gesagte mal wirken lassen:

 

„Wenn Sie ein Burnout wollen, dann tun Sie am besten möglichst viele Dinge, die Sie nicht wollen.“

 

„Machen Sie nichts, was Sie nicht denken können. Dann bleiben Sie beim Alten“

 

„Jeder Mensch ist ein Unternehmer. Jeder, der wach genug ist, will die Welt verändern.“

 

„Wie übt man das selbstständige Denken? Indem man viel beobachtet und sich dann beim Beobachten beobachtet.“

 

„Ist der andere für Sie ein Original? Ist er ein Subjekt oder ein Objekt für Sie? Ist der Mensch ein Mittel oder ist er ein Zweck? Mit Kant würde ich sagen: Der Mensch ist nie ein Mittel, immer nur Zweck.“

 

„Sie alle sind auf die Welt gekommen, weil Sie was vorhatten. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, in der geistigen Welt ist es gemütlicher. Da gibt es keine kalten Kirchen. Also, was wollen Sie in Ihrem Leben tun?“

 

„Schöpferkraft und Stabilität – beides muss man im Unternehmen fördern.“

 

„Arbeitszeit und Freizeit sind falsche Begriffe. Es ist alles Lebenszeit. Und ich muss Ihnen leider mitteilen: Auch Ihre Lebenskarrieren werden tödlich enden.“

 

„Die Frage ist: Wie müssen Organisationen gestaltet sein, damit wir alle unser Potenzial entfalten können?“

 

„Wir haben das Paradies, aber wir lassen es nicht zu. Wir können endlich das machen, was wir wollen und nicht das, was wir wollen sollen. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen können Sie endlich mal nein sagen.“

 

„Wann das bedingungslose Grundeinkommen kommt? Wussten Sie damals um 18 Uhr, dass die Mauer fällt? Das Grundeinkommen ist längst finanziert – wir produzieren viel mehr, als wir konsumieren können.“

 

 

 

 

 

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Nicole Thurn

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