Ein 16-jähriger Unternehmer spielt Ping Pong mit der Zukunft

Lorenzo Tural Osorio hat mit 12 seine erste Keynote vor 500 Menschen gehalten. Heute lehrt er Unternehmen ein neues Mindset: nämlich, aus der Zukunft die Gegenwart zu hinterfragen.

 

An Selbstbewusstsein mangelt es dem 16-jährigen Unternehmer Lorenzo Tural Osorio schon einmal nicht. Kein Wunder, ist er doch schon ziemlich erfahren auf seinem Gebiet. Im Alter von 10 hatte er seine ersten Kunden, Kleinunternehmer, für die er Facebook-Fanpages optimierte. Mit 12 hielt er seinen ersten Vortrag auf der Digitalkonferenz Re:publica zum Thema Social Media Marketing und unterhielt das Publikum mit seiner Smartness. (siehe hier). Seit vier Jahren hält er Vorträge zum Thema disruptive Innovation. Und auf der Bühne ist der junge Mann ein Meister des Scheiterns.

 

Während er auf dem auf modern getrimmten Yard-Forum, dem ehemaligen Bauherrenkongressder Arbeitswelt-Beratung MOO.COON, in seiner Keynote "Digitalisierung aus der Sicht der GenZ" über personengesteuerte Autos als museale Artefakte der Zukunft sinniert, oder über die Sinnlosigkeit des Handyverbots ("ich bin ja halbwegs Bildungsexperte, ich geh ja noch aufs Gymnasium"), schwant ihm nämlich, dass er die falsche Präsi laufen hat.

Was erfahrenen Keynotespeakern Achselschweiß unters Hemd und Röte ins Gesicht treiben ließe, lässt ihn allenfalls cool lächeln. Während er auf seinem Mac seelenruhig nach der richtigen Präsentation sucht, gesteht Moderator Franz Kühmayer öffentlich seine leise Angst angesichts des Managersprechs ("Wir brauchen organisationale und individuelle Autodynamikkompetenz") aus dem Mund eines 16-Jährigen ein.

 

Er hat nicht unrecht. Ein bisschen wünscht man sich, Lorenzo würde weniger auf slimfitanzug-tragenden Profi-Speaker machen und dafür in Sneakers und Hoodie erzählen, wie er als Teil der Generation Z  disruptive Innovation sieht. Aber das ist auch nur wieder Schubladendenken. Er stellt nämlich erfrischende Fragen, die man auf den Podien dieses Landes kaum hört.  Sein Credo, sich aus dem Altbekannten rauszuwagen, ist: "Wir müssen lernen, von der Zukunft her zu denken."  Der Gymnasiast veranstaltet Ping Pong Thinking Events für innovatives Denken, er berät Unternehmen und hält Seminare, ist Mentor im Accelerator-Programm der Daimler AG, "Startup Autobahn".  Über seine Ansichten zu disruptiven Innovationen, der neuen Arbeitswelt und wie er später selbst arbeiten willl, hat er mir im Interview erzählt.

 

 

New Work Stories: Lorenzo, du hast schon vor ein paar Jahren als Autodidakt dein Unternehmen gegründet, hast mit 12 deinen ersten Vortrag auf der Re:publica 14 gehalten, bist heute Speaker für disruptive Innovation. Wie kam es dazu?

Lorenzo Tural: Ja, ich habe mit 10 begonnen, Social Media Management zu machen. Ich hatte in der Anfangsphase Aufträge von einem Restaurantbesitzer und einem Hotel. Dann hat sich das Ganze weiterentwickelt. Social Media war irgendwann nicht mehr so interessant für mich. Ich habe festgestellt, dass sich die Frage, ob ich Smart Phone oder Facebook nutzen soll oder nicht, für mich nicht mehr stellte. Ich war neugierig auf die neuen Facetten im Neuland wie neue Wearables, Kryptowährungen, selbstfahrende Autos. Mit 13 habe ich begonnen, mich mit dem Themenfeld disruptive Innovation zu beschäftigen.

 

Was interessiert dich an der Disruption am meisten?

Das Unbekannte im allgemeinen Sinne hat mich immer schon mehr interessiert als das Bekannte. In der Grundschule habe ich das Internet entdeckt, da gab es so viel, was ich noch nicht so wusste. Das hab ich mir nach und nach angeeignet. Mich interessiert generell der Wandel in unserer Gesellschaft und des täglichen Lebens, der ja sehr fließend ist. Ich muss mich demgegenüber selbst wappnen und mein Mindset anpassen. Das geht Hand in Hand mit meinen Vorträgen.

 

Die Arbeitswelt verändert sich, das verunsichert viele. Brauchen wir ein neues Mindset?

Ja. Ich habe ein Leitbild: Man versetzt sich in die Zukunft und schaut zurück auf die Gegenwart. Heutzutage stellen viele Unternehmen Informatiker ein, in den Schulen gibt es Laptop. Hier wird von der Gegenwart in die Zukunft gedacht. Das ist aber nicht zielführend, sondern nur eine momentane Lösung. Man will sich nicht die Blöße geben, dass man nichts getan hätte. Aber das bestehende Mindset wird nicht angetastet.

 

Wie soll das gehen: von der Zukunft her denken?

Ich meine damit, sich in ein Szenario reinzuversetzen und zu überlegen, wie würden die Leute dann reagieren? Was wären die Konsequenzen? Ich sehe die Digitalisierung als Brücke. Auf der einen Seite hat man 2018, auf der anderen sagen wir, 2030. Wenn wir vom noch nicht fertiggebauten Teil der Brücke zurückschauen nach 2018, kann man das gut visualisieren. Deswegen redet man von Brückentechnologien, wie etwa das Elektroauto mit einem menschlichen Lenker, das für selbstfahrende Autos ohne Lenkrad und Pedale Platz machen wird. Es gibt eine Gewissheit, dass es das selbstfahrende Autos und Sharing geben wird. Diese Trends erkennt man ja jetzt schon. Doch wie wird sich das auf uns, auf unsere Gesellschaft, auf die Wirtschaft, auf die Märkte auswirken? Meist wird über die Weiterentwicklung bestehender Strukturen mithilfe neuer Technologien diskutiert. Aber dieses Denken greift zu kurz, weil man mithilfe des technologischen Fortschritts 2018 in 2030 zu transportieren versucht.

 

Was bewirken deine Ping Pong Thinking Events?

Dass man auf Ideen kommt, die man zuvor nicht bedacht hätte. Ping Pong Thinking ist eine Technik, um das noch nicht existierende Wissen zu erzeugen. 21,7 Milliarden neue Internet of Things sollen bis Ende 2020 zu den gegenwärtig existierenden 28 Milliarden hinzukommen. Wissen wir alles über sie? Ich meinerseits weiß nur, dass ich diesbezüglich eine Menge unweiß. Existiert das Wissen nicht, müssen Erkenntnisse gewonnen und passende Ideen entwickelt werden, um neues Wissen zu erzeugen.  Wenn man über selbstfahrende Autos Ping Pong Thinking macht, stellt man sich ganz andere Fragen: Was mache ich, wenn das Auto im Jahr 2030 auf der Autobahn liegen bleibt? Ruf ich den ÖAMTC oder ADAC? Gibt es die dann überhaupt noch? Werden sie vom Lenker bestellt oder bestellt das Auto das selbst? Was passiert mit den uber-, didi chuxing-, lyft und Taxifahrern, welche Ingenieure mit welchen Kompetenzen brauchen wir dann? Es geht darum, zu verbildlichen und dann sein Mindset anzupassen.

 

Hat sich bei dir alles so ergeben oder hast du deine Karriere bisher geplant?

Nein, meine Karriere haben wir nicht geplant, alles hat sich so ergeben. Bei der re:publica 2014 war es so: mein Vater hatte das Buch Netzgemüse von Tanja Häusler gelesen und wollte sich mit ihr austauschen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Er erzählte ihr, was ich auf Eigeninitiative so alles mache und meine Eltern immer wieder überrasche. Obwohl sie mich persönlich nicht kannte, hat sie mich mit dem Risiko des Irrtums für eine Session eingeladen. Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen und referierte zum ersten Mal in meinem Leben vor 500 Leuten. Für Ihren Mut werde ich Tanja Häusler immer dankbar bleiben.

 

Was möchtest du mit deinen Vorträgen bewirken? Dass die Leute ihr Mindset ändern?

Für jede kommerzielle Innovation gilt: Sie muss nicht nur gemacht werden, sie muss von den Nutzern ja auch akzeptiert werden. Ich biete Impulse an –  um die Lücke zwischen der Technologie und dem Mindset zu überdenken und zu schließen. So wird es möglich, das Mindset zu justieren.

 

"Wir müssen den inneren Antrieb in Gebrauch nehmen.

Das ist dann intrinsische Motivation, die von Herzen kommt -

und keine bloße Motivierung von außen. "

 

Heute wurde auf dem Yard Forum auch über hierarchiefreie Organisationen diskutiert. Kannst du mit Hierarchien überhaupt noch was anfangen?

Ja definitiv. Ich verbinde beide Welten und sehe mich als Brückenbauer. Das alte Denken hat immer noch seinen Platz und deshalb muss man auch damit hantieren. Aber Fakt ist: Man muss schon etwas aus dem Hierarchiedenken rauskommen: Alles in den Unternehmensumwelten wird schneller, komplexer. Ich weiß nicht, ob hinsichtlich der neuen Herausforderungen die alte Hierarchieform das Beste ist. Ich verteufle sie aber nicht. Einen Verantwortlichen wird es auch in Zukunft geben, allein für juristische oder fiskaltechnische Angelegenheiten oder als Projektauftraggeber. Allerdings müssen Unternehmen sich überlegen, wie sie die Aufbauorganisation, die Projektorganisation und die Communities verzahnen, um die Autodynamikkompetenz permanent aufrechtzuerhalten. Hier müssen die Managerprofile neu definiert werden.

 

Muss auch das Thema Mitarbeitermotivation stärker hinterfragt werden?

Wir müssen den inneren Antrieb in Gebrauch nehmen. Man muss sich nicht immer in die Position forcen. In einem Projekt, an dem ich beteiligt war, hatten wir aus Azubis eines Unternehmens eine Internetureinwohner-Community initiiert. Wir haben rausgefunden: ein Azubi hatte einen Youtube-Kanal mit 150.000 Abonnenten, er filmte sich beim Motorradfahren und erzählte über Motorräder und das Leben. Das wussten die anderen nicht, auch der Chef nicht.  Wenn man zum Beispiel leidenschaftlicher Golfspieler ist, kann man seine alltägliche Arbeit mit Golfmetaphern verbinden und so einfach den Fokus verbessern. Wenn du für Golf lebst und das mit deiner Arbeit verbindest, dann lebst du für beides. Das ist dann die intrinsische Motivation, die von Herzen kommt und keine bloße Motivierung von außen.

 

Wird es wichtiger, die Persönlichkeit mehr in den Beruf reinzuholen?

Ich denke, es wird darauf hinauslaufen. Es gibt in Zukunft sowieso weniger Angestellte, das haben wir dann den Robotern zu "verdanken", aus der Sicht von 2030. Alles was robotisierbar ist, wird robotisiert. Die vielen Leute mit ihren langen Gesichtern, die man heute morgens in der U-Bahn sieht, haben dann Zeit für kreativere Dinge, die sie glücklicher machen.

 

Glaubst du, das bedingungslose Grundeinkommen kommen muss?

Ich weiß nicht, ob es kommen muss. Aber es wirkt, als könnte es eine Lösung sein. Wir sollten uns allerdings auch über andere Lösungen Gedanken machen.

 

Du gehst noch ins Gymnasium. Willst du später Unternehmer bleiben?

Das schau ich dann nochmal. Ich habe alle Chancen genommen, die ich bisher hatte. Jetzt bin ich halt hier. Ich denke aber schon, dass ich studieren möchte, vielleicht ein praxisbezogenes duales Studium. Das Thema Innovation macht schon Spaß, aber meinen Studiengang weiß ich noch nicht. Es gibt so eine große Zahl an Studiengängen mit Spezialisierungen. Das Studium werde ich nicht machen, um nur ein Zeugnis zu erhalten.

 

Wie möchtest du selber später arbeiten?

Ich mache das, was ich jetzt tue, sehr gerne. Auf jeden Fall möchte ich meine Fähigkeiten voll ausschöpfen können. Mir sagen meine älteren Kolleginnen und Kollegen, dass ich sehr gut beobachten und das Beobachtete ganzheitlich, vernetzt analysieren kann. Ich werde ein neugieriger globaler Internet Ureinwohner bleiben. Im Neuland Internet haben wir noch viele unerschlossene Facetten, in denen wir Geschäfte machen können.

 

 

Der Video-Rückblick zum YARD Forum:

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