Warum mir der Sprung aus einem Flieger mehr brachte als jedes Seminar

Raus aus der Komfortzone, rein in die Gewinnzone: Das fällt uns schwer, bringt uns aber weiter - immer.

 

Ich bin an den stämmigen, mürrischen Mann hinter mir gekettet.  Der Typ heißt Tom und ich habe ihn gerade kennengelernt. Wir haben die 4000 Meter Höhe erreicht,  das andere Paar neben uns, ebenfalls mit Gurten aneinandergekettet, steht langsam im Doppelpack auf. Ungelenk sieht das aus, ich muss lachen. Endlich sagt mein Tandemlehrer, so los, aufstehn! Die Schleuse des Fliegers "Pink", der außen aussieht wie das kussmundige Plattencover der Rolling Stones,  öffnet sich. Wir stehen, mein Tandemlehrer robust, ich auf etwas wackeligen Beinen.  Ich müsse jetzt ganz nah an die Rampe, schreit er mir ins linke Ohr, unbedingt mit den Zehen über den Abgrund.  Wir tänzeln im Stehen nach vorn, der Wind schlägt mir ins Gesicht,  jetzt stehe ich an der 1,80 Meter offenen Schleuse, da unten sind kleine Bäumchen, die ausschauen, als würden sie zum Spiele-Bauernhof meines dreijährigen Neffen gehören. Ich schnappe nach Luft und lege mein Kinn wie geheißen an die Brust. Dann kommt von hinten ein Rumps, verdammt,  der Tandemlehrer hat mir einen Ruck verpasst, ich kippe nach vorn, verliere den Boden unter den Füßen und wir fallen mit dem Kopf voraus in die Wolken, überschlagen uns zwei Mal, rasen im freien Fall durch weißen Nebel Richtung Erde und das Adrenalin schießt in mein Hirn.

 

Das ist das coolste Erlebnis meines Lebens, denke ich, während die Bäume in Sekundenschnelle auf mich zurasen. Die eigene Grenze zu spüren, die eigene Lebendigkeit im Angesichts des durchaus möglichen Todes. Der positive Adrenalinkick ist deutlich höher als ein Jahr davor, als ich beim Kletterkurs in der Kletterhalle meine Höhenangst zu überwinden suchte, mich in zehn Metern Höhe am lila Wandknubbel festklammerte, statt mich zum Abseilen in den Gurt fallen zu lassen und in Panik durch die Halle schrie: "Ich lasse niemals los!" Naja, fast. Kurz darauf verließ mich meine Kraft und ich musste wohl oder übel loslassen.

 

Aber ein wenig war es auch so aufregend wie jener Moment, als ich zum ersten Mal auf eine Bühne stieg, mit zitternden Händen und verlegenem Lächeln, um eine Podiumsdiskussion eines großen Österreichischen Fachkongresses zu moderieren.  Vier Konzern-CEOs, ein Wissenschaftler und ich vor rund 200 Führungskräften im Saal. Ich hatte am Vorabend davon erfahren, dass ich für meine damalige Chefin einspringen sollte, die krank geworden war (danke Sandra fürs kalte Wasser ;-)). Dazu war mir spontan nur eine psychosomatische Migräneattacke als Reaktion eingefallen. Also musste ich meine Fragen und den Moderationsleitfaden notdürftig am nächsten Morgen vorbereiten und eilig ins Kongresszentrum fahren, die Notfallstropfen im Gepäck. Zeit für Panik? Blieb keine mehr, ich ging nach kurzem Briefing auf die Bühne, die Notfallstropfen vergaß ich.

 

Auf Autopilot.

Warum bleiben wir so gern in unser Kuschel-Komfortzone und brechen so selten aus? Und warum fühlt es sich so gut an, wenn wir es doch gewagt haben? Diese Fragen stellte ich mir oft. Unser Gehirn, sagte mir Mentaltrainer Marcus Täuber einmal, läuft am liebsten auf Autopilot. Ein Denkorgan, das am liebsten nicht denken will also. Ist ja schon sympathisch. Das ist der Grund, warum wir automatisch Stufen runterlaufen ohne über unsere Beine zu fallen, warum wir ohne tägliche Crashs autofahren können und uns miteinander unterhalten, ohne dass sinnloses Gebrabbel aus unseren Mündern kommt. Meistens jedenfalls. Etwa 90 Prozent unserer Denkleistung sind unbewusst: unser Gehirn läuft quasi wie eine Systemsoftware im Hintergrund, ohne dass wir etwas davon mitbekommen. Das erklärt auch den Erfolg von Mentalisten, die unsere Wahrnehmung und Erwartungen geschickt manipulieren.

Gleichzeitig ist unser Gehirn aber auch ein Lernorgan. Es verarbeitet ständig Sinnesreize, Eindrücke, Gedanken, Erfahrungen. Es trachtet daher nach Energieersparnis, damit wir evolutionstheoretisch betrachtet überleben können. Wir sollen also lernen, aber nur das Nötigste, um zu überleben.

Die sogenannte Komfortzone zu verlassen, ist anstrengend, verbraucht viel Energie und wäre also ziemlich dumm, oder?

 

Warum sollten wir es dennoch tun?

 

Weil es uns weiterbringt. Weil wir etwas Großartiges lernen, was uns in keinem Seminarraum beigebracht werden kann. Nämlich: die Erfahrung, mehr zu schaffen als wir uns zugetraut haben. Und weil die Komfortzone meistens gar nicht so komfortabel ist, wie auch der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther in seinem Beitrag bei Compassioner zu bedenken gibt. Wenn wir über uns hinauswachsen, lernen wir fürs Leben. Dann eröffnen sich neue Möglichkeiten. In meinem Fall war es mehr Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, weniger Ängste und das Vertrauen, dass ich auch mir unbekannte und ungewisse Situationen schon irgendwie meistern werde. Am Ende fühlt sich die "neue" Welt außerhalb der Komfortzone doch viel besser an. Und die Grenze verschiebt sich nach und nach, wir wachsen, werden mutiger und dadurch mehr und mehr wir selbst.

 

Ich klettere heute nicht mehr und habe nach wie vor ein bisschen Höhenangst. Aber sie ist besser geworden und ich bin immer noch stolz darauf, es gewagt zu haben. Als ich damals den Knubbel losließ, wurde mir klar: wenn man loslässt, wird man schon irgendwie aufgefangen. Ok, solange man einen Sicherheitsgurt hat. Aber oft tut sich ein bisher unsichtbarer Sicherheitsgurt auf. Ein Zufall, jemand, der einem weiterhilft. Die Moderation war die Initiation zu diversen weiteren Moderationen und die Bühne macht mir heute keine Angst mehr, sondern Spaß - ein bisschen Aufgeregtheit darf schließlich weiterhin sein. Aus dem Fallschirmspringen habe ich diese Erkenntnis gewonnen: es kann ein erhebendes, befreiendes Gefühl sein, allen Mut zusammenzunehmen und sich in etwas Neues reinzustürzen. Und: auch wenn man anfangs den Boden unter den Füßen  verliert, landet man doch irgendwann wieder auf den Beinen.

Es müssen auch gar keine adrenalinkickenden, schweißtreibenden, weltbewegenden Dinge sein, die uns aus der Komfortzone bewegen.

 

Es reicht schon:

+ die Zähne mal mit links zu putzen

+ dem Chef oder der Chefin zu erklären, dass deine Leistung dringend eine Gehaltserhöhung erfordert

+ der dauerdelegierenden Kollegin ein freundliches Nein an die Stirn zu werfen

+ deine Mitarbeiter um Feedback zu deinen Führungsqualitäten zu bitten

+ den Hund der Nachbarin auszuführen, um deine Hundeangst zu überwinden

+ ein neues Collaboration Tool im Team auszuprobieren

+ dem Partner zu verklickern, dass er aus dem Mund riecht und zum Zahnarzt sollte

 

 

Wenn man seine eigenen Grenzen überwindet, kann man nur gewinnen. Man verliert in der Regel: Langeweile, Frustration, Unzufriedenheit, Also raus aus der K-Zone, rein in die Gewinnzone!

Die Frage ist: Was wirst DU tun?

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Magdalena V. (Freitag, 18 Mai 2018 17:55)

    Musste herzhaft lachen :) ein schöner Beitrag!

Nicole Thurn

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