Selbstorganisation: "Hört auf mit dem Müssen"

Schulkinder gestalten ihren Unterricht selbst.  Mitarbeiter entscheiden im Team über ihr Projekt. Selbstorganisation befreit die Menschen aus falschen Zwängen - wenn man sie richtig umsetzt. Ein Reformlehrer und ein Agile Coach erzählen über ihre Erfahrungen.

Er arbeitet mit Kindern, sie mit Erwachsenen. Beide haben dieselbe Mission: Menschen in ihrer Selbstverantwortung zu stärken. Katharina Seke begleitet als Agile Coach und Scrum Master beim Software-Dienstleister Apus Teams auf ihrem Weg in die Selbstorganisation. Projekte werden gemeinsam analysiert, die nächsten Schritte gemeinsam entschieden. Die MitarbeiterInnen holen sich selbst, was sie für ihre Arbeit benötigen. Lehrer Gert Wampera unterstützt Schüler der Volksschule Hirten in Graz auf ihrem Weg ins selbstorganisierte Lernen. In seiner mehrstufigen Schulklasse mit 24 Kindern haben 5 einen sonderpädagogischen Förderbedarf, einige haben Migrationshintergrund und: alle Alterstufen von sechs bis elf Jahren werden gemeinsam unterrichtet. Seit rund 15 Jahren gibt es das Projekt. Wo andere LehrerInnen überfordert wären, ist Gert im Vertrauen. Der Grundgedanke ist: Lernen voneinander und miteinander, „ähnlich wie es bei Geschwistern der Fall ist", erzählt er. Beide sind am 11. und 12. Juni bei der Freiräume (Un-)Konferenz in der Grazer Seifenfabrik zu Gast. Im Interview mit New Work Stories erzählen sie, welche Rahmenbedingungen die richtigen sind, damit sich Menschen entfalten und weiterentwickeln können – egal ob erwachsen oder noch Kind.

 

New Work Stories: Gert, du unterrichtest eine im Vergleich zur Regelschule sehr ungewöhnliche Klasse. Die Kinder entscheiden selbst, was und wie sie lernen. Was ist der Vorteil zum Regelunterricht?

Gert: Im Regelunterricht ist es so: Es gibt Scheinhomogenität. Doch nur weil alle Kinder in der Klasse sechs Jahre alt sind, heißt das nicht, dass sie gleich sind. Manche können lesen und schreiben, die anderen nicht. Und es wird von außen vorgegeben: jetzt gerade habt ihr euch alle für das Schneeglöckchen zu interessieren. Dieses Müssen ist ein Problem. Es wäre wichtig diesen Gedanken loszulassen, dass alle gleichzeitig dasselbe lernen müssen.

 

Wie gewährleistest du, dass die Kinder in deiner Klasse auch wirklich etwas lernen?

Gert: Meine Rolle ist in erster Linie Coach. Morgens, nach der Ankommensphase, gehe ich mit jedem Kind seine Hausübung durch.  Dabei geht es nicht darum, was es falsch gemacht hat, sondern ich frage es: Was war schwierig, was war einfach für dich? Die Kinder bitten mich oft darum, die Hausübung zu kontrollieren, doch darum geht es nicht. Sie sollen reflektieren, was sie selbst können und noch lernen müssen. Ich sage den Kindern auch: Probiert, selbst auf die Lösung zu kommen, wenn nicht, dann kommt zu mir.  Es sind aber Mindeststandards für die Lernziele aus den Externistenprüfungen vorgegeben. Wir geben auch klassische frontale Kurse zur Einführung in Rechenoperationen oder Grammatik. Manche Kinder sind zur Teilnahme verpflichtet, andere sind dazu eingeladen. Hier sprechen wir Niveaugruppen an, das ist altersübergreifend.

 

Was machen die anderen, wenn die einen im Kurs sind?

Gert: Sie arbeiten im Gruppenraum selbstständig an ihren Themen. Wir haben Kreise, die von den Kindern selbst geleitet werden. Man kann sich dazu freiwillig melden und bleibt eine Woche lang der Leiter. Im Morgenkreis etwa sind alle 24 Kinder, darin werden die Aufgaben verteilt. Es gibt auch kleinere Arbeitskreise. Die Kinder überlegen, welche Inhalte sie wie an diesem Tag bearbeiten: Ob sie ein Referat ausarbeiten oder im Team an einem Thema arbeiten. Die Kinder entscheiden das selbst und finden sich auch selbst in den Gruppen. Wir Lehrer haben lediglich ein Vetorecht.

 

Was passiert, wenn die Kinder nicht entscheiden können?

Gert: Das passiert selten. Zuletzt waren sie sich bei einem geplanten Theaterstück uneinig, da kamen sie auf mich zu. Die Gruppe konnte sich nicht darauf einigen, wer die Gruppe führt. Dann unterstütze ich dabei, dass sie eine Lösung finden.

 

Welcher Effekt entsteht daraus, den Kindern zuzutrauen, selbst zu entscheiden? Mehr Selbstbewusstsein?

Gert: Die Kinder wissen genau, was sie können und was nicht. Sie sind nicht unbedingt die besseren Schülerinnen und Schüler, aber sie sind von ihrer Persönlichkeitsstruktur her wesentlich gefestigter. Und sie erwerben Führungskompetenz.  Sie wissen, dass sie selbst verantwortlich sind dafür, dass sie etwas lernen. Man muss den SchülerInnen vertrauen und sie als Person mit allen ihren verrückten oder nicht-verrückten Ideen ernst nehmen.

 

Wie kommt das bei anderen Lehrern und Eltern an?

Gert: Manche sind skeptisch. Doch die Kinder besuchen danach normale Gymnasien, Neue Mittelschulen. Manche maturieren und studieren später, manche erlernen einen Beruf. Es kommt vor, dass die Kinder in den weiterführenden Schulen anfangs mit dem Fächerkanon nicht zurechtkommen, weil sie länger an ihren Themen arbeiten möchten. Und dass die LehrerInnen manchmal unklar kommunizieren, was sie erwarten.

 

Katharina, wie siehst du diesen Schulversuch aus Sicht des Unternehmens?

Katharina Seke: Ich denke, dass solche Schulprojekte sehr wichtig sind, um die Selbstständigkeit zu fördern. Es gibt so viele, die aus der Schule kommen und sich nichts trauen. Sie haben noch nie einen Fehler machen dürfen. Natürlich werden im Arbeitsleben Fehler passieren. Wenn man aber Angst davor hat, etwas falsch zu machen, ist man so gehemmt, dass nie richtig etwas weitergeht.

 

Ist das auch deine Erfahrung, dass man die alte Sozialisierung wieder vergessen muss?

Katharina: Ja. Es gibt einen starken Fachkräftemangel in der Softwareentwicklung. Es gibt viele, die jede Menge Erfahrung haben und richtig gut in dem sind, was sie tun. Aber sie hätten oft gern jemanden, der ihnen sagt, was zu tun ist. Aber bei komplexen Themen gibt es diesen einen Menschen einfach nicht, der auf jedem Gebiet im Detail Bescheid weiß und daher entscheiden kann. Den gibt es weder bei uns in der Firma und wahrscheinlich nirgendwo. Jeden Tag prasseln neue Tools und Ansätze auf uns ein, die es morgen vielleicht nicht mehr gibt. Ein Einzelner kann gar nicht mehr den Überblick behalten. Daher ist man darauf angewiesen, den Leuten im Team zu vertrauen, dass sie die ExpertInnen sind und dass sie untereinander kommunizieren und sich austauschen.

 

Wie funktioniert die Selbstorganisation im Team bei euch?

Katharina: Die Leute sagen selbst, wenn sie etwas von außen oder von jemandem im Team brauchen. Unsere Firma ist flach aufgestellt, es gibt einen Geschäftsführer und einen CTO, einen Chief Technical Officer, der aber mehr in einer Servicerolle ist. Er ist für alle MitarbeiterInnen da und führt die persönlichen Gespräche mit ihnen. Wir haben auch unsere Feedbackkultur aufgebrochen.

 

Inwiefern?

Katharina:  Die unmittelbaren KollegInnen geben einander Feedback, weil sie mehr Einblick haben als jemand, der nur sporadisch vorbeischaut. Man sagt, was man an der Arbeit des anderen schätzt und was derjenige besser machen könnte.Wir arbeiten in Scrum-Teams, jedes Team trifft sich regelmäßig zur Retrospektive, wo man die bisherigen Arbeitsprozesse analysiert. Ein Beispiel: in einem Sprint (Anm.: ein Arbeitsabschnitt von ein bis vier Wochen, in dem ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll) wurden fünf Tasks begonnen und nur einer tatsächlich beendet. Die Frage ist: Woran liegt das? Dann wird beispielsweise gesagt: Du hast den Task nicht mehr beendet, mach das bitte nicht mehr.

 

Also das heißt, solche Dinge werden offener angesprochen als vielleicht in einem traditionell geführten Unternehmen, wo man lieber hinter dem Rücken des Kollegen redet?

Katharina: Es wird inzwischen eher offener kommuniziert mit dem Ziel, alles offen zu kommunizieren. Wir sind natürlich Menschen, da gibt es immer Dinge, wo man nicht weiß, wie man das offen ansprechen soll.

 

Sollte man die Rolle von der Person trennen, um Konflikte zu versachlichen?

Katharina:  Ja, ich finde, wenn es um die Sache geht, darf es auch einmal lauter werden, man darf diskutieren. Aber danach sollte man sagen, wir gehen auf einen Kaffee und die Sache ist erledigt. Oder man vertagt die Situation. Das wäre wünschenswert, aber es nicht so einfach, sondern ein Prozess. Wir haben zwei wichtige Regeln bei unseren Retrospektiven. Erstens, die Las Vegas Regel, die besagt: das, was wir dort besprechen, bleibt dort. Zweitens, die Prime Directive. Das ist die Annahme, dass jede Person zu jedem Zeitpunkt ihr Bestes gegeben hat, wenn man die Umstände betrachtet. Man unterstellt also niemandem etwas Schlechtes. Das ist aber in Wahrheit nicht so einfach. Dass der Kopf wirklich umschaltet, ist ein langer Prozess. Daher tut man am besten anfangs so, als könnte man diese Regel bereits erfüllen.

 

Wie geht ihr mit Widerständen um? Viele Unternehmen sagen, die Mitarbeiter wollen gar nicht selbst Verantwortung übernehmen. Das trifft vermutlich auch auf Kinder zu?

Gert: Natürlich gibt es Kinder, die mit der Selbstverantwortung anfangs überfordert sind, zu uns kommen und sagen: was soll ich tun, ich weiß nicht, wo ich hinwill. Dann setzt man sich mit ihnen hin und gibt ihnen eine Auswahl. Irgendwann kommt das von selbst. Ich habe oft das Gefühl: Sie vertrauen uns nicht, dass wir ihnen vertrauen, dass sie es selbst können. Es ist ihnen einfach nicht geheuer. Sie müssen auch immer wieder ausprobieren, was passiert, wenn sie nichts tun. Grenzen austesten, um zu schauen, ob man als Person oder für die Leistung geliebt wird: das gehört dazu. Es dauert aber meist nicht lange, bis sie merken, es ist ok. Es muss aber eine entspannte Atmosphäre vorhanden  und die Beziehungsebene konfliktfrei sein. Daher hat die Störung immer Vorrang. Konflikte werden sofort bearbeitet. Man muss der Ursache auf den Grund gehen, warum Kinder sich nicht auf diese Arbeit einlassen können. Vielleicht fühlen sie sich unwohl ...

 

… oder es wird ihnen von den Eltern wenig zugetraut …

Gert: Ja, auch das. Dann arbeiten wir auch mit den Eltern. Bei uns gibt es keine Zeugnisse, sondern zwei Mal im Jahr Feedbackgespräche. Die Kinder präsentieren den Eltern in Tischgruppen, was sie gelernt haben und worauf sie stolz sind. Ich sage den Kindern auch immer: Wer Angst vor Fehlern hat, kann nichts dazulernen und sich nicht weiterentwickeln. Und das bedeutet Stillstand und Langeweile.

 

Wie sieht es bei den Mitarbeitern mit der Angst vor Fehlern aus?

Katharina: Jeder Mensch hat eine Vorgeschichte. Manche haben immer wieder die Erfahrung gemacht, wenn sie sich besonders bemüht haben oder neue Ideen hatten, die nicht funktionierten, wurde das in der Vergangenheit verurteilt oder sie wurden bloßgestellt. Also haben sie resigniert. Aus diesem gelernten Verhalten auszubrechen, ist schwierig. So jemand muss wieder die Erfahrung machen, dass es ok ist, sich einzubringen, sich zu engagieren und dann Fehler zu machen. Daher ist es so wichtig zu honorieren, dass derjenige in seinem Tun das Beste wollte. Man muss den Leuten unbedingt positive Erfahrungen bieten. Das Wichtigste bei der Selbstorganisation ist das Vertrauen in die Menschen.

 

 

Katharina Seke und Gert Wampera sind als Pioniere bei der Freiräume (Un-)Konferenz am 11. und 12. Juni in Graz zu Gast. Die Konferenz beschäftigt sich mit Selbstorganisation in Bildung und Unternehmen und bringt spannende New Work Pioniere mit Pionieren einer neuen Bildungswelt zusammen. Infos, Anmeldungen und Tickets findest du hier:

 https://freiraeume.community/freiraeume-2018/

 

 

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Nicole Thurn

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