WKO-Spot: Im Blindflug durch die "bunte, neue Arbeitswelt"

Bitte anschnallen, wir fliegen mit dem robotergebauten Propeller-Flugzeug durch die lustige neue Arbeitswelt: mit dem 12-Stunden-Tag und einem eher alten Verständnis von Flexibilität.

12-Stunden-Tag
©WKO/ YouTube

Willkommen in der neuen bunten Welt der Arbeit!" Nach einigen Tagen weitgehendem Londoner Digital Detox und wieder gelandet am Wiener Flughafen kommt mir wie ein kleines Willkommensgeschenk der WKO-Spot zur Arbeitszeitflexibilisierung in die Timeline des unvermeidlichen Fatzebuchs. Ich klicke drauf. Und suche nach bereits 6 Sekunden vergeblich den Quellenverweis zum Satiremagazin "Die Tagespresse". Irritiert bleibt nur das Fazit: Es ist kein Fake, es ist real.

 

Das, was die Wirtschaftskammer Österreich im Sinne des Regierungsvorstoßes zur Arbeitszeitflexibilisierung hier versucht hat, ist, den Angestellten und ArbeiterInnen dieses Landes im kindlichen Erklärvideo auf zuckersüße Art. Willkommen in der neuen bonbonfarbenen Zuckerguss-Arbeitswelt, in der wir alle zu wandaesker Happiness-Mucke superlustig bis spätabends reinhackeln, um dann - geblockt und im spontanen Zwangsurlaub -  mit unseren Liebsten das Leben zu genießen.

Das ist jetzt etwas fies, zugegeben. Aber die Infantilisierung des Zuschauers, der ja in der Regel von den Neuerungen betroffen ist, nervt. Da ist die Sendung mit der Maus mehr auf Augenhöhe.

 

Geht's uns wirklich allen gut?

"Geht's dem Werner gut, geht's der Erna gut. Geht's der Feli gut, geht's dem Heli gut", säuselt der Wanda-Imitator. Dann geht's auch der Wirtschaft und ganz Österreich gut. Dagegen ist nix einzuwenden, gute Arbeitsbedingungen sind ja anzuraten. Aber ob es dem Werner wirklich gut geht, wenn er eine Woche am Stück 12 Stunden täglich als Kellner bis zum Umfallen Erdbeereis serviert hat? Oder wie es wohl der Unfallpatient findet, wenn die Heli-Feli übermüdet in der 12-Stunden-Schicht den Rettungs-Helikopter gewartet hat? Wir wissen es nicht. Bleibt nur zu hoffen, dass ihre ArbeitgeberInnen es gut mit ihnen meinen und die neue flexible Arbeitszeit nicht nach oben hin ausreizen. Aber dazu später.

 

Vorerst wird auf einen lustigen Mops gezoomt, der mit gönnerhafter Onkelstimme fragt: "Und was ist, wenn die flexiblen Arbeitszeiten kommen?" Daraufhin bekommt der legoartig animierte Wissensarbeiter im Büro vom Chef einen freien Tag geschenkt. Ist schön und dagegen ist nix einzuwenden.

"Aber was ist mit dem 12-Stunden-Tag?", fragt der Mops. Der 12-Stunden-Tag  soll in Gleitzeit möglich werden, aber nicht die Norm sein. Die Normalarbeitszeit bleibt davon unberührt, soll heißen: Der Achtstundentag und die 40-Stunden-Woche bleiben die Regel. Ein früherer Gesetzesentwurf der Sozialpartner hatte laut APA sogar eine Anhebung auf die 50-Stunden-Woche vorgesehen, die Gewerkschaften waren dagegen. Mehr als durchschnittlich 48 Stunden Arbeit pro Woche sind auch weiterhin nicht erlaubt. Deswegen wird auch gleich im Spot gezeigt: Wer länger hackelt, hat nicht nur länger frei, sondern kriegt auch noch mehr Geld auf die Hand. Denn die Stunden 11 und 12 werden mit einem Überstundenzuschlag abgegolten. Na immerhin.

Das neue Gesetz ermöglicht dadurch auch die 4-Tage-Woche, sagt die Regierung stolz. Das war allerdings auch jetzt schon möglich, wie einige Firmen wie Bike Citizens es vormachen.

 

"Und wie sieht's aus mit Geld und Freizeit?", fragt der Mops. Dann kriegst du eben mehr Geld oder wenn's passt, gehst du früher zuhaus, ist die Antwort. Das Video zoomt in die smarte Fabrikshalle, wo die Roboter einen Flieger bauen. Flugs startet die animierte Projektleiterin damit in den Kindergarten, wo sie ihre fröhlichen Kinderchens abholt. Nur wie ist das, wenn sie doch mal 12 Stunden arbeiten muss? Verzeihung, arbeiten will?

 

Denn natürlich, so betont es die Regierung, ist der 12-Stunden-Tag ab Jänner 2019 ganz freiwillig zu leisten. ArbeitnehmerInnen können den 12-Stunden-Arbeitstag etwa aus Gründen der Kinderbetreuung verweigern, heißt es. Ob das bei einem Arbeitgeber, der seine MitarbeiterInnen als Austauschware sieht, gut ankommt, ist fraglich. Und bei den KollegInnen, die in den sauren Apfel beissen müssen. Die Freiwilligkeit scheint im Gesetzesentwurf auch noch gar nicht angekommen zu sein, denn: Auf Nachfrage von ORF-Report-Interviewerin Susanne Schnabl, dass von der angeblichen Freiwilligkeit nichts im neuen Gesetzesentwurf stehe, sagt FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz: "Dann werden wir das nachbessern."

Bonus für den Arbeitgeber

Übrigens will die Regierung mit dem 12-Stunden-Tag die Arbeitgeber aus dem Kriminal holen. Denn er ist nicht nur heute schon bei Produktionsspitzen und nach Absprache mit den Betriebsräten möglich. Oder bei ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen. Er existiert auch unter der Hand. Ich kenne Leute, die haben 60-Stunden Arbeitswochen, die sie so nicht in ihre Zeiterfassung eintragen. Dazu gehören WissensarbeiterInnen, ManagerInnen, (auch angestellte) GründerInnen. Und ja, deren ArbeitgeberInnen sind - wie es die Regierung argumentiert - mit der neuen Regelung raus aus dem Kriminal.

Aber anstatt die jetzigen Grauzonen zu legalisieren sollten wir uns vielleicht mal fragen: Warum gab es diese Grauzonen überhaupt bis dato? Weil in Firmen zuallererst Köpfe eingespart werden, anstatt effizientere Strukturen zu schaffen. Weil mehr Arbeit auf weniger Menschen verteilt wird, die diese Arbeit dann in Spitzenzeiten schon jetzt über den 10-Stunden-Tag hinaus verrichten müssen. Das ist in Agenturen so. In Medienhäusern. In Anwaltskanzleien. Und in Produktionstätten. Bei Projekten wird mancherorts gegen Fristende fieberhaft bis frühmorgens gearbeitet.

Doch dieser Missstand sollte eigentlich ausgemerzt werden - und nicht per Gesetz weiter legalisiert und institutionalisiert werden. Der 12-Stunden-Tag ist natürlich im Sinne der ArbeitgeberInnen: er bedeutet weniger Kosten bei mehr Produktivität - und das, ohne Zustimmung des Betriebsrates. Es ist ein Bonus für die Arbeitgeber, der ihnen teuer zu stehen kommen wird. Denn de facto wird eines passieren, wenn man den ArbeitnehmerInnenschutz hier verwässert: Die Menschen werden unkonzentrierter, übermüdet, machen mehr Fehler, bauen vielleicht sogar Unfälle - ob im Betrieb oder im Straßenverkehr nach Dienstschluss. Das zeigen Studien. Sie haben in dieser Zeit weniger Freizeit, weniger Familienzeit, weniger Pausen -  die Zahl der Krankenstände und die Fluktuationsrate werden steigen. Und das wird auf lange Sicht teuer.

 

Flexibel ja, aber ohne Ausbeutung

 

De facto müsste eines passieren, um in der "neuen" Arbeitswelt anzukommen, die ihren Namen auch verdient: Die Arbeit müsste auf mehr Menschen verteilt werden. Wir haben es bald nicht mehr nötig, noch mehr zu arbeiten. Wir sind in einer Wohlstandsgesellschaft, die von der Roboterisierung massiv betroffen sein wird. Damit wird der 12-Stunden-Tag in vielen Sparten ad absurdum geführt werden.

Dennoch brauchen wir flexible Arbeitszeitmodelle, die mit MitarbeiterInnen und Betriebsräten gut abgestimmt sind. Gleitzeit ist ein sinnvolles Modell für Wissensarbeiter und auch für andere Sparten, Vertrauensarbeitszeit und Ergebnisorientierung sorgen für mehr Selbstbestimmung. Auch die 4-Stunden-Woche kann Sinn machen. In Zukunft wird Arbeit projektbezogen sein. Vielschichtiger. Wir werden mehrere verschiedene Aufgaben übernehmen, zum Teil auch für mehrere Auftraggeber. Darauf müssen sich auch die Gewerkschaften und Betriebsräte einrichten. Ihre Aufgabe wird es sein, bei all diesen Veränderungen den Arbeitnehmerschutz sicherzustellen - und auch der wird sich individueller und bedarfsorientierter gestalten müssen. Die Regierung der Zukunft muss sich überlegen, wie sie die Wohlstandsgesellschaft erhalten kann. Indem es etwa Steuererleichterungen für ArbeitnehmerInnen gibt, die in verschiedenen Jobs tätig sind. Indem Versicherungsleistungen günstiger werden. Indem wir Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen ernsthaft überlegen und weiterentwickeln.

 

Eine flexible Arbeitswelt braucht die entsprechenden Rahmenbedingungen. Aber sie sollten nicht in der Ausbeutung enden. Und auch nicht in der Selbstausbeutung. Arbeitszeitmodelle sollten individuell abgestimmt werden und mit Zustimmung der MitarbeiterInnen und des Betriebsrates passieren - nur dann hat man die Belegschaft auch wirklich hinter sich.  Das erkennen immer mehr wirklich gute Arbeitgeber. Der 12-Stunden-Tag klingt nach sehr, sehr alter Arbeitswelt: nach Gewinnmaximierung und Effizienzsteigerung ohne Rücksicht auf Verluste. Da hilft auch kein lustiger Werbespot, der das Gegenteil behauptet.

Das hat wohl auch die WKO inzwischen erkannt. Die Verbreitung des Spots ist nach Shitstorms und Kritik inzwischen übrigens online und im TV eingestellt. Bleibt zu hoffen, dass die ArbeitgeberInnen auf ihre MitarbeiterInnen schauen und das neue System nicht nur zu ihrem Vorteil ausreizen. Denn nur dann geht's wirklich allen gut.

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Nicole Thurn

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