Wie wir werden, was wir sind

Meist sind es die kleinen Umwege, die uns zeigen, wo es langgeht.

Als ich der alten Dame mit den wippenden Silberlöckchen in den cognacfarbenen Nerzmantel helfen will, in der Nase den süßschweren Duft nach überzüchteter Rose, herrscht sie mich an: "Tiefer, Sie Trampel!" Es ist nicht mein Talent, alternde Hofratswitwen in Nerz zu hüllen. Ich habe zu hoch angesetzt, mein wieherndes Lachen als Replik schlucke ich nach der ersten Silbe hinunter wie eine widerständige Auster.

Das hat auch der Altmeister des Coiffeur-Salons mitbekommen. Knapp eine Stunde später zu Dienstschluss komplementiert mich der Figaro ungewohnt ungehobelt hinaus. Mein Studentenjob ist am dritten Arbeitstag dahin.

Mein Fazit damals, vor rund 15 Jahren: Erstens: Es gibt tatsächlich Jobs, die darin bestehen, anderen Menschen in den Mantel zu helfen. Zweitens: Ich wäre nie eine gute In-den-Mantel-Helferin geworden. Denn drittens: Ich habe es nicht so mit Förmlichkeiten und Statussymbolen. Zumindest stelle ich mich nicht gerne untertänigst in den Dienst von jemandem, der sich dank seines (angeheirateten) Titels gern über andere stellt.

Genausowenig konnte ich hinter der Bar eines mondänen Partyclubs reüssieren oder als ferial-inferiore Briefträgerin, die um fünf Uhr morgens erst einmal einen doppelten Espresso mit fünf Tschick auf nüchternen Magen brauchte,  um schließlich um fünf Uhr nachmittags immer noch ihre wutentbrannten Kunden zu beliefern. Kopfrechnen ist nicht meins, lärmende, alkoholbespaßte Menschen auch nicht. Und mein Gehirn kann erst ab 9.30 Uhr sinnhafte Gespräche führen.

 

Die Studentenjobs waren natürlich in erster Linie für eines da: die Miete meiner damaligen Substandardwohnung  - modriges Bad, Klo am Gang - zu bezahlen  und nicht, um meine Selbstverwirklichung voranzutreiben und meine Potenziale zu entfalten. Aber sie gaben mir auch Hinweise über mich selbst. Zu jener Zeit hatte ich einen ständigen Knödel im Magen und damit engmaschig verwoben war meine Sehnsucht "Ich will Schriftstellerin/Autorin/Journalistin werden" vulgo "Ich will schreiben" gepaart mit dem Glaubenssatz "Ich kann nicht schreiben. Und außerdem worüber soll ich schreiben, das haben doch andere schon...".  Ich traute mich nur viel zu lange nicht, es zu wollen.

 

Es ist wichtig zu wissen, wie wir arbeiten wollen und wie nicht. Nach Ende meines Pädagogik-Studiums war mir klar: Sorry, Montessori, ich will alles werden, nur nicht Pädagogin. Ich will auch nie wieder Drinks mixen, Nerzmäntel hinhalten und Briefe austragen. Nie wieder um fünf Uhr früh den Dienst antreten müssen. Und ich will endlich schreiben. Nach einem Abstecher in die wissenschaftliche Projektarbeit - einen hundertseitigen Wälzer für ein EU-Bildungsprojekt zu fabrizieren, war anfangs spannend, weil es mit Schreiben zu tun hatte, war mir aber zu wenig kreativ - kehrte ich zu meinem glühenden Wunsch als 14-Jährige zurück, den ich all die Jahre unterdrückt hatte, obwohl die innere Stimme es fast täglich wie ein Mantra wiederholte. Traumberuf: Journalistin. Unbedingt.

 

Ich bin es dann geworden. Weil man irgendwann ja doch wird, was man im Inneren schon ist - sofern man das Privileg eines fördernden oder zumindest nicht massiv blockierenden Umfelds hat. Erst musste ich all meinen Mut zusammennehmen, um meine Initiativbewerbung an das große Medienhaus abzuschicken. Am Ende war es schon fast zu einfach. Statt der Praktikumsstelle, auf die ich mich beworben hatte, bekam ich in der Online-Redaktion einen Job. Glück, Zufall, Schicksal, whatever. Hätte ich diese Bewerbung nicht abgeschickt, wäre ich vermutlich in einem Beratungsjob gelandet. Auch gut, aber ohne das Schreiben wäre ich wohl unglücklich geworden. Vielleicht hätte ich dann nur für mich geschrieben. Das Potenzial, das in uns schlummert, klopft immer wieder an. Idealerweise treffen wir jemanden, der es zum Glück erkennt. Der Job kam meinen Bedürfnissen entgegen: Arbeiten ab 9.30 Uhr, viel Selbstbestimmung, viel Kommunikation, aber auch Arbeit alleine beim Schreiben.

 

Die Positive Psychologie spricht vom "Flowzustand", in dem wir unsere Fähigkeiten optimal einsetzen, mit unserer Aufgabe verschmelzen und darüber Zeit und Raum vergessen. Es "flutscht" einfach. Um motiviert arbeiten zu können und in den Flow zu kommen, ist es nicht nur das "Was" der Arbeit, sondern auch sehr stark das "Wie". Leider sind sich viele Menschen gar nicht so bewusst darüber, wie sie selbst ticken, wann sie am besten Leistung erbringen und was sie in den sogenannten Flow bringt.

Darüber können die bisherigen beruflichen Erfahrungen, die Stationen mitsamt ihren jeweiligen Arbeitsbedingungen viel Aufschluss geben.

 

Ein bisschen ist es ja so wie mit der Partnerwahl: mit zunehmendem Alter und diversen Erfahrungen weiß man eben, was zu einem passt. Aus dem "Was ich nicht mehr will" wird dann ein "Genau das will ich". Dann ist das Zünglein an der Waage nur mehr die eigene Klarheit und vor allem der Mut, denn: Liebe wird aus Mut gemacht, wie schon Jan Delay und Nena sangen. Auch die Liebe zum eigenen beruflichen Traum.

 

In meinem Workshop "Create your Job - dein Weg zum Traumjob" gebe ich Tools  und Reflexionsübungen weiter, die dir helfen, deinen Weg mit Klarheit zu gehen. Infos und Anmeldung findest du hier.

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Nicole Thurn

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