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Arbeit und Urlaub: Auf Workation in den Zauberbergen

Auf der Reise zu sich selbst: Die Tauglerei in St. Koloman bei Salzburg bietet gestressten Städtern ein einzigartiges Erlebnis zwischen Coworking und Naturgenuss.

Taugl, so heißt unten im Tal der smaragdgrüne Fluss, und oben die Bergregion, in der früher die Kelten in mystischen Wäldern vor bemoosten Felsen ihren Göttern Opfer dargebracht haben. Taugl bedeutet auf Althochdeutsch „verborgen“ und passt zu dieser mystischen Region. Ich bin im 1700-Seelen-Dorf St. Koloman auf Workation gelandet, umsäumt vom Tennengebirge und dem Hohen Göll. Urlaub und Arbeiten, also vacation und work, das klingt durchaus verlockend für mich: denn ich habe nicht nur ein Buchprojekt geplant, für das ich bisher kaum Zeit hatte, sondern gleichzeitig Lust auf Natur abseits der lärmenden Großstadt. Am Eingang der Tauglerei wartet das Café der quirligen Susanne Spitzer mit veganen und vegetarischen Schmankerln auf die Gäste. Früher aßen hier die Kirchgänger beim Kirchenwirt ihre Würsteln. Auch wenn sonst nach dem Ayurveda-Prinzip gekocht wird, bietet die Tauglerei der hiesigen Bevölkerung seit kurzem wieder Sonntags-Würstel an. Bio, versteht sich.

 

Vor vier Jahren hat Patrick Sellier mit seiner Frau Sara die Tauglerei eröffnet. Die Tauglerei ist ein Ort der Ich-Findung, ein Kraftzentrum für überarbeitete Städter und Landler, ein Ort, der Flow und Fokus und Rückbesinnung aufs Wesentliche bringt. Die Tauglerei ist auch Treffpunkt einer Würdekompass-Gruppe: den Ansatz dazu hat Hirnforscher Gerald Hüther initiiert. Sein Gedanke: Nur über den würdevollen Umgang miteinander könnten Menschen ihre Potenziale entfalten. Die philosophischen Gespräche gibt es auch mit Patrick Sellier gratis zum Frühstückskaffee. Wir sprechen über die Identität und Identifizierung mit Job und Status, über Sinnsuche und Werte. Der Ayurvedatherapeut und Berater bietet Ayurvedakuren und Aufstellungen, für unglückliche Karrieristen ebenso wie für überarbeitete Unternehmen, für alle Menschen, die mehr Kontakt zu sich selbst suchen. Nicht selten richten sie nach ihrem Aufenthalt in der Tauglerei ihr Leben völlig neu aus. 

 

Zweites Leben mit Sinn

Auch Patrick Sellier hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Im Alter von nur 25 Jahren hatte er das einhundert Jahre alte Familienverlagsunternehmen in München übernommen, konnte in wenigen Jahren den Umsatz verdreifachen. Nebenher gründete er ein Verlags-Startup, das er später verkaufte. Finanziell gesehen hatte er Erfolg, nur die Zufriedenheit wollte sich nicht so recht einstellen. Dann entdeckten er und seine Frau Ayurveda, auf Anraten eines Freundes landeten sie in St. Koloman und boten Kuren und Yoga in einem nahe gelegenen Seminarhotel an. Mit der Übernahme des ehemaligen Kirchenwirts in St. Koloman fanden sie ihre Bestimmung: Menschen aus der Krise  und von Stress zu befreien. Patrick Sellier ist damit nicht nur der „Dorfwirt“ und Ayurvedatherapeut, sondern systemischer Erfolgstrainer, sinnorientierter Lebensberater und als Dozent für indische Philosophie der Lehre des Samkhya verpflichtet, die das Zusammenwirken des bewussten und unbewussten Teils im Menschen beschreibt. Sara Sellier ist Klangschalentherapeutin, Yogalehrerin und Atemtherapeutin.

 

Oben im ersten Stock,  im ehemaligen Tanzboden, wo früher dörfliche Gelage stattfanden, ruhen jetzt Klangschalen in allen Größen auf einem roten Teppich neben einem antiken, runden Tisch aus Nussholz. Nur er und die gediegenen Balken aus Altholz an der Decke sind geblieben. Es duftet nach Kardamom und anderen fernöstlichen Gewürzen. Hier und im Nebenraum halten Patrick und Sara Sellier ihre Sessions ab. Ich liege auf dem Massagetisch. Sara Sellier stellt behutsam eine Klangschale auf meinen Unterbauch, eine weitere auf meine Brust und eine dritte, kleine, auf meine Stirn. Nach und nach bringt sie alle zum Erklingen, ein vibrierendes Dröhnen breitet sich in meinem Kopf aus, meine Gedanken lösen sich in stiller Tiefenentspannung auf, ebenso wie mein Körper. Später fühle ich mich energetisiert und erholt zugleich. Ans Arbeiten am Laptop ist noch nicht zu denken: ich wandere im nah gelegenen Wald zu einer alten Mühle.

 

Arbeiten in der Zammworkerei

Dann ist es doch Zeit, mich auf mein Projekt zu besinnen. Im neuen Coworking Space "Zammworkerei" im hinteren Bereich der Tauglerei riecht es nach dem frischen Lerchenholz der Schreibtische. Acht Arbeitsplätze stehen zur Verfügung, die Patrick Sellier für Wissensarbeiter auf Zeit eingerichtet hat. Hier können gestresste Büroarbeiter und Kreative sich neu ausrichten, sich auf ihre Projekte fokussieren und in der Pause Energie in der Natur tanken.

Hier treffe ich auf Daniela Schwaiger: sie kommt tageweise aus dem Tal hierher und macht sich derzeit als Business Coach selbstständig. Sie arbeitet mit Führungskräften und Teams und bringt per Co-Creation mit zwei Kolleginnen als "Strawberry Moooners"  die Einheit von Körper, Geist und Seele in Unternehmen.

Paul Guschlbauer ist ebenfalls hier eingemietet. Der X-Alps-Athlet für Red Bull sitzt auch mal am Laptop, um Projekte zu planen und Büroarbeit zu machen. Erst im Juni hat er den dritten Platz bei der knallharten Alpenüberquerung  per Berglauf und Paraglider gemacht. Der einzige Unterschied zum herkömmlichen Büroalltag: statt nach dem Mittagessen spazieren zu gehen, läuft Paul Guschlbauer auf den nächsten Berg und fliegt mit dem Paraglider über die Tauglerei.  

 

Die Zammworkerei ist Teil eines größeren Gedankens: unter dem Motto "Zammkemma, zammbringa" hat Patrick Sellier hat mit anderen Unternehmern und engagierten Menschen der Region den Verein Netzwerk Taugl gegründet.  "Die Leute hier sind sehr offen", sagt Patrick Sellier. Abseits von Tourismus-Folklore entschied man sich für einen internen Markenprozess, um den Kern der Region sichtbar zu machen. Neben dem Coworking-Angebot in der Tauglerei sind daraus Projekte wie das Taugl Körberl entstanden, ein Online-Einkaufsplattform für regionale Produkte, und eine Ideenwerkstatt, über die Ideen der Einheimischen in Gruppen diskutiert und umgesetzt werden. Aus der Marke Taugl soll auch ein Unternehmens-Netzwerk entstehen. Mit seinen Kollegen der Unternehmensberatung "Dyck. Godulla. Sellier" bietet Patrick Sellier in der Zammworkerei auch Begleitung für Startups und angehende Gründer an: "Wir unterstützen sie bei der Konkretisierung ihrer Gründungsidee, bei Prototypenerstellung und beim Markttest", sagt Patrick Sellier. Auch Sabbaticals und persönliche Auszeiten kann man in der Tauglerei verbringen, in einer der Ferienwohnungen im Haus wohnen und sich je nach Interesse in der Tauglerei engagieren.

Ich nehme viele Ideen aus den anregenden Gesprächen mit den Coworkern und mit Patrick und Sara mit - und eine klare Vision für mein Projekt. Eines ist klar: ich komme wieder.

 

INFO & Eventtipps:

Hier geht's zum Podcast mit Patrick Sellier zum Thema Identität im Job: Podcast mit Patrick Sellier

Infos zu den Angeboten der Tauglerei, Sabbaticals und Coworking: www.tauglerei.at

Patrick Sellier hat ein Gespräch mit Hirnforscher Gerald Hüther zum co-creativen Markenprozess und zur Potenzialentfaltung in Regionen geführt: https://www.youtube.com/watch?v=P7sy86ldoW4

 

Hinweis: Ich habe auf Einladung der Tauglerei den Coworking Space getestet.

 

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Nicole Thurn

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