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Arbeit mal anders #12: HeyHo! bringt die bessere Arbeitswelt zum Frühstück

Mit Bio-Müsli die Arbeitswelt ein Stückchen besser machen: Ehemalige Junkies, Häftlinge, psychisch kranke und geflüchtete Menschen arbeiten in der Müsli-Manufaktur HeyHo! – vier Tage die Woche, mit einem Vollzeitgehalt weit über dem Mindestlohn. Die Granola Activists Stefan Buchholz und Christian Schmidt erzählen, wie sie Sinn und Unternehmertum zusammenbringen.

Kann man mit Idealismus Geld verdienen? Heyho, das geht, sagen die Gründer der gleichnamigen Müslimarke. „Wir wollten nicht nur unsere Kunden glücklich machen, sondern auch jene, die unser Müsli fertigen“, sagt Stefan Buchholz im Podcast-Interview von "Arbeit mal anders".  Vor vier Jahren hat er mit Christian Schmidt und Timm Duffner HeyHo! Müsli gegründet. Angelehnt an den "Social Activism" der Kult-Eismarke Ben&Jerry’s, für die Christian und Timm einst arbeiteten, wollen sie eine bessere Arbeitswelt auf den Frühstückstisch bringen. Daher nennen sie sich auch: Granola Activists.

 

Glück konnten einige Mitarbeiter von HeyHo! in ihrer Vergangenheit gut gebrauchen. Stefan hat fast 20 Jahre lang eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe geleitet. Die Zielgruppe: Menschen, die drogenabhängig, auf der Straße gelandet, teilweise in die Kriminalität abgerutscht und im Gefängnis gelandet waren. Menschen, für die auch nach ihrer Rehabilitierung die Gesellschaft kaum Verständnis und der Staat im besten Fall Ein-Euro-Jobs übrig hatte. "Ich habe in meiner Arbeit Menschen mit so viel Potenzial kennengelernt. Wir wollten ihnen eine Chance geben, mit richtiger Beschäftigung", erzählt Stefan. Inspiriert wurde er durch das Buch des buddhistischen Zen-Mönchs Bernie Glassman, der in New York die Greyston Bakery mit einem ähnlichen Konzept gründete: "Das hat mich in meinem innersten Kern erwischt und ich hab mich gefragt: warum diesen radikal offenen Ansatz nicht auch in Deutschland umsetzen?"

 

 

 "Unser Lagerarbeiter hat eine multiple Persönlichkeitsstörung, aber auch große Stärken:

er ist sehr genau und strukturiert - und daher perfekt für den Job."

 

 

Mehr als ein Drittel des rund 20-köpfigen Teams besteht derzeit aus Mitarbeitern mit drastischen Lebenserfahrungen: Kriminalität, Gefängnisaufenthalte, Drogensucht und psychische Erkrankungen. Sie arbeiten unter anderem mit Studierenden zusammen. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen – dieser Appell weht von vielen Podien und (virtuellen) Bühnen dieser Tage. Hochtrabende Ansätze oder ausgefeilte Methoden sucht man bei HeyHo! indes vergebens. "Wir haben uns das vorher nicht überlegt, sondern einfach gemacht“, so Stefan. Die einzige Methode ist: ein offenes Herz. "Anfangs reicht es zu sagen: Hey ja, wir wollen genau dich einstellen", sagt Stefan. Daraus entstehe eine offene Diskussionskultur: die Mitarbeiter bringen selbst Vorschläge ein und sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Da jeder frei Schnauze sagen darf, was ihn bewegt, kommen auch mal allzu direkte und nicht immer konstruktive Ansagen. Die Gründer sehen das aber locker und Kritik als Chance, weiterzukommen – ihr Rezept liegt darin, jeden so zu nehmen, wie er ist. "Gerade unsere Mitarbeiter mit diesen biografischen Brüchen haben oft schon mehrere Therapien hinter sich und sind oft sehr reflektiert", sagt Stefan und erzählt: "Unser Lagerarbeiter hat eine multiple Persönlichkeitsstörung, aber auch große Stärken: er ist sehr genau und strukturiert - und daher perfekt für den Job."

In ihrem Umfeld stießen die Gründer anfangs auf wenig Verständnis für ihre "nichtindustrielle Revolution": der Gründungsberater warnte sie vor dem Kündigungsschutz, wodurch es schwierig sei, Mitarbeiter wieder loszuwerden. Freunde sagten: "Ihr seid bekloppt, das kann nicht funktionieren.“ Anfangs hatten sie selbst Vorurteile und Bedenken, räumen Stefan und Christian ein. Doch die legten sich bald. "Anfangs waren gerade die Mitarbeiter mit den "schwierigen" Biografien besonders übermotiviert: "Wir mussten aufs Bremspedal steigen", so Stefan. Und: "Wir können alle voneinander lernen und gerade diese Mitarbeiter sind eine große Bereicherung für alle", sagt Stefan.  

 

Fairer Lohn für echte Teilhabe

Bezahlt werden die Produktionsmitarbeiter mit 30 Prozent über dem Mindestlohn, alle verdienen gleich viel – bei einer Viertage-Woche mit 32 Arbeitsstunden. Das ermögliche den Mitarbeitern Verschnaufpausen oder auch, am fünften Tag andernorts etwas dazuzuverdienen. Den Gründern war ein angemessenes Gehalt von Beginn an wichtig, um den Mitarbeitern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen – und damit auch Teilhabe an der Gesellschaft. „Wir wissen, dass man vom Mindestlohn in Deutschland kaum leben kann“, sagt Christian. Die faire Entlohnung ist im Müsli eingepreist – der Konsument zahlt zwar drauf, unterstützt so aber auch den gesellschaftlichen Beitrag des Unternehmens. 

„Wir wollen aufzeigen, dass man gesellschaftlichen Sinn mit Unternehmertum verbinden kann“, sagt Stefan. Als soziales Unternehmen wollen sie dennoch nicht wahrgenommen werden, daher haben sie auch eine ganz normale GmbH gegründet – eben mit einer ganz besonderen Mission:

„Dass so unterschiedliche Menschen zusammenkommen und miteinander arbeiten, wünschen wir uns für die Gesellschaft als Ganzes“, sagt Christian. Sie setzen auf sechs anspruchsvolle Sorten mit hochwertigen Bio-Rohstoffen, die man nicht so einfach auf industriellen Fertigungsstraßen herstellen kann - drei Sorten gibt es ab sofort auch in Österreich (bei dm). Und auf Schraubgläser im Hipsterlook, deren beigefügte Zettelchen über die Unternehmensphilosophie erzählen. Die Vision der Gründer ist es, HeyHo! als unternehmerischen Ansatz zu exportieren und anderen Unternehmen dabei zu helfen, gesellschaftlich wirksam zu werden. Das nächste große Ziel der erst zwei Jahre alten GmbH ist vorerst eindeutig unternehmerisch, nämlich: bald schwarze Zahlen zu schreiben.

 

Wie der Arbeitsalltag bei HeyHo! funktioniert, was die Kultur mit Pferdepostern in Stephans Büro zu tun hat und warum HeyHo! auch für Unternehmer ein Geschäftsmodell sein könnte, kannst du oben im Podcast nachhören (und auf Soundcloud, Apple Podcasts, Spotify, Google Podcasts, Deezer). 

In Österreich ist das Bio-Müsli von HeyHo! in drei Sorten bei DM erhältlich, in Deutschland auch bei Alnatura, Denn's, in Reformhäusern und im Onlineshop über www.goheyho.com

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Nicole Thurn

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