Auszeit mit den Geschichten im Kopf

Raus aus dem Hamsterrad, rein in die Fiktion: Vor einem Jahr nahm ich an einem Workshop zu Creative Writing teil. Ich entführte dabei einen rechtspopulistischen Wahlkandidaten.

Der Blick vom Holzhaus auf den Teich beim Steinschalerhof im Mostviertel
Der Blick vom Holzhaus auf den Teich beim Steinschalerhof im Mostviertel

Vor einem Jahr genau stand ich mit einer Tasse Kakao an einem großen Fenster und blickte auf den wabernden Novembernebel über dem Teich vor dem Holzhäuschen des Steinschalerhofs, in dessen Innenraum sich gerade wohlige Wärme ausbreitete. Ein knorriger alter Baum am Ufer wirkte, als würde er sich traurig im Spiegelbild des dunklen Wassers betrachten und auf sein Ende warten. Die grauen Wolken zogen gemächlich vorüber und trotz der vorwinterlichen Tristesse, die man an diesem Ort spüren hätte können, machte sich in mir vor allem ein Gefühl breit: das Gefühl von Freiheit.

 

Ich war erst kürzlich aus dem Hamsterrad hinauskatapultiert worden, aus dem ich schon seit etwa neun Monaten einen Ausweg gesucht hatte. Nach zehn Jahren als Journalistin bei einer Tageszeitung war es nun endlich Zeit, Bilanz zu ziehen und zu erkunden, was sonst noch so möglich war. Ich wusste, ich wollte immer noch schreiben, doch irgendwie hatte ich mich ein bisschen dabei verloren. Ich hatte Spaß am journalistischen Schreiben gehabt, doch über die Jahre hatte sich eine gewisse Bequemlichkeit eingeschlichen, ein Schema F, das mich nicht mehr losließ, das mich aber zunehmend zu langweilen begann. Hinzu kam, dass ich Texte produzieren musste – aber kaum noch schrieb, weil ich Lust darauf hatte.

Auch für Nicht-Genies

Doch jetzt war ich frei für Neues und hatte Lust. Ich hatte „Short Story Winteridylle“ bei Ana Znidar gebucht, weil ich genau das wollte, was die Beschreibung versprach: Vorm Kamin bei einer Tasse Schokolade Kurzgeschichten schreiben und mich mit anderen darüber austauschen. Schreiben, einmal nicht für eine Leserschaft, sondern nur für mich. Ana Znidar kannte ich schon von einer Story, die ich über das Writers Studio geschrieben hatte. Und jetzt waren wir also hier: Ana Znidar, die Schreibtrainerin, die in den USA studiert und erkannt hatte, das Schreiben kein Genie benötigt, sondern neben Basistalent in erster Linie Handwerk. Die uns mit ruhiger Stimme und Schalk in ihren braunen Augen immer wieder antreiben würde, noch mehr zu probieren. Dann war da noch eine reschfröhliche Endfünfzigerin, die als Ärztin einen eigenen Gesundheitsblog betrieb und mir später in den Pausen so gute Tipps für Google Adwords und Social Media gab, dass ich den „die Digital Natives überholen uns“-Ansatz ernsthaft hinterfragen musste. Eine nachdenkliche Psychotherapeutin, die eine beklemmend-dichte Mutter-Tochter-Geschichte schreiben würde. Eine quirlige Eissalonbesitzerin und eine Lebens- und Sozialberaterin, die einfach mal etwas für sich tun wollte.

 

Ana Znidar erklärte uns später, dass die beste Art zu schreiben, sei – einfach zu schreiben. Wir legten los und füllten leere Blätter mit Gedanken, Monologen und Nonsens, wir schrieben, was wir dachten, nicht denken wollten und schrieben uns dabei frei. „Das legt die Kreativität frei, die Schreibblockaden werden so gelöst“, sagte Ana. Es war tatsächlich so: mit jedem Wort kam ein größerer Denkschwall, der immer dringender aufs Papier musste. Als hätte sich ein Knoten im Hirn gelöst. Das war befreiend, vielleicht sogar ein bisschen therapeutisch. Kreatives Schreiben wird auch in der Therapie eingesetzt. Was aus unserem Kopf aufs Papier fließt, kann uns nicht mehr belasten.

 

Entführt

Jede von uns bekam dann den Auftrag, eine Szene aus der künftigen Short Story zu schreiben. Wir lasen uns unsere zaghaften ersten Versuche gegenseitig vor, gaben einander aufbauendes Feedback. Der Bundespräsidentschafts-Wahlkampf war zu jener Zeit in vollem Gange - in Zweitauflage mangels geeignetem Kleber für die Briefwahlkarten. Und irgendwie schlich sich eine Idee in mein Hirn, die sich aus Puzzleteilen immer stärker zu einer Geschichte fügte. Ein junges Mädchen war von ihrem überforderten Alleinerzieher-Vater auf die Straße geflüchtet, hatte dort einen linksextremen Schnorrer und samt Clique kennengelernt und beschloss mit ihnen gemeinsam den rechtspopulistischen Nationalratswahlkandidaten zu entführen. Seufz. Sie hielten ihn in einer verranzten Wohnung fest, es artete in Tarantino-Style aus: schräge Dialoge, Blut, gebrochene Knochen, mindestens einer musste sterben. Das Mädchen verliebte sich notgedrungen in die Geisel, weil es einen Vaterkomplex hatte. Was am Ende passierte, war mir nicht ganz klar. Würde es zum blutigen Showdown kommen? Zu einem terroristischen Anschlag? Würde das Mädchen dem Rechtspopulisten helfen, zu fliehen? Ja, dachte ich, es war schließlich in ihn verliebt. Aber irgendwie hinkte die Story gewaltig. Bis heute habe ich keinen logischen Ausweg aus der Misere gefunden. Die Realität hat die Fiktion ja sowieso eingeholt.

 

Spaß machte es allemal, den geknebelten Rechtspopulisten einen zynischen Schlagabtausch mit einer naiven Träumerin führen zu lassen, die vermutlich gar nicht so naiv war, sondern ziemlich gerissen. Mein Gehirn hatte seine Auszeit bekommen: Die Kreativ-Synapsen waren angeregt, ich hatte meine Sprache im Schreiben gefunden. Und meinen Ausgleich zum Schreiben von berufsbezogenen Texten.

 

Doch kreatives Schreiben bewirkt mehr als nur mehr oder minder gute Geschichten. Wir finden Abstand zum Alltag, zum verkopften „Ich muss“-Denken und zu den eigenen Befindlichkeiten. Wir finden Zugang zur eigenen Kreativität und darin Selbstvertrauen. Durch kreatives Schreiben entstehen assoziative Gedankengänge, die zu kreativen Ideen führen. Wissen und Erfahrungen werden aus der Distanz neu bewertet, Emotionen fließen hinein, Fantasie wird angeregt. Das Zusammenspiel der rechten, rational-analytischen und linken, kreativ-intuitiven Gehirnhälften wird gefördert. Und: Wir hatten endlich mal eine Pause vom Hamsterad und eine Auszeit im Kopf.

 

Ana Znidar
Ana Znidar ©Rea Schiffer

Info: Ana Znidar bietet eine Neuauflage der "Winteridylle Short Story" an - highly recommended! Alle Infos findest du hier: Short Story Winteridylle

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
Nicole Thurn

Willkommen auf meinem Blogzine!

 

Mein Name ist Nicole Thurn und ich freue mich, dir Inspirationen, Impulse und Erfahrungen aus der Welt des Neuen Arbeitens zu liefern. Du suchst mehr Sinn, mehr Motivation, mehr Entfaltung im Job? Oder willst dich über frische, neue Ansätze zu Leadership und Zusammenarbeit informieren? Dann bist du hier genau richtig.  Ich bin gespannt auf deine Anregungen und dein Feedback, schreib mir auf nicole@newworkstories.com

Wenn du mehr über mein "Warum" wissen willst, klicke hier. Viel Spaß beim Reinschmökern!