7 Workhacks und 2 Minuten verliebter Stille

Lydia Schültken zeigte auf dem HR Inside Summit: Arbeit geht besser - mit ein paar einfachen Kniffs.

Lydia Schültken
Lydia Schültken auf dem HR Inside Summit (© Benedikt Weiss/HRIS)

In Sekunde fünf grinsen einige, in Sekunde 25 richten dieselben den Blick verschämt zu Boden. In Sekunde 55 umspielt ein entrücktes Lächeln ihre Lippen und in Sekunde 115 sind ihre Augen feucht und sie schauen, als würden sie gleich vor dem Traualtar ihre große wiedergefundene Liebe heiraten.

 

Ein simples Experiment in zwei Minuten, in der zwei völlig fremde Menschen nur eines tun: sich unverhohlen in die Augen schauen. Zwei Minuten voller Emotion, in völliger Stille. Am Ende trillert ein Wecker in die ergriffene Stille. "Die Zeit ist um", ruft Lydia Schültken. Lautes Stimmengewirr, erleichtertes Lachen.

Ich bin diesmal Zuschauerin. Ich habe das Experiment schon einmal im Rahmen eines Seminars gemacht. Und ich wende dieses Experiment auch bei meinen eigenen Workshops an. Weil es eine völlig neue Erfahrung ist, sich mit einem fremden Menschen verbunden zu fühlen. Erstmals gehört habe ich davon von Upstalsboom-Geschäftsführer Bodo Janssen (ein sehr inspirierender Mensch, über den ich hier auch bald schreiben werde), der sie wiederum von Pater Anselm Grün hatte. Mit dieser Erfahrung will nun auch Lydia Schültken die Personaler und HR-Manager auf dem HR Inside Summit aufrütteln.

 

"Es ist schwer, einem Fremden zwei Minuten lang in die Augen zu schauen und danach immer noch Vorurteile gegen ihn zu haben", sagt die in Berlin ansässige Unternehmensberaterin. Doch sie hat noch mehr im Gepäck: Workhacks, mit denen sie in kurzen Sequenzen den Staub von Unternehmenskulturen wegwirbeln will.

Zu oft, sagt die Frau mit dem maronenbraunen Pagenkopf, werde auf Kongressen über das Was geredet, und viel zu selten über das Wie.

Und zu oft seien Change-Projekte wie ein Wasserfall: von oben wird das Problem analysiert, werden Lösungen konzipiert und wird geplant und umgesetzt und der Erfolg kontrolliert. "Ich finde das absurd, weil wir davon ausgehen, dass wir soziale Systeme planen und kontrollieren können.“

 

Wir sind keine Maschinen, wir sind Menschen.

 

Die Idee der Workhacks ist (die Lydia Schültken nicht erfunden, sondern zusammengetragen und pointiert aufbereitet hat): Das betroffene Team entscheidet selbst, welche Workhacks es wann umsetzen will. Ein Workhack wird innerhalb von zwei Wochen umgesetzt, dann gibt es einen Review mit Feedback. Dann folgt das nächste Workhack. Innerhalb eines Jahres können so 10 bis 15 Workhacks umgesetzt werden, kleine Schräubchen, die konsequent an der Unternehmenskultur drehen und die dafür sorgen sollen, dass sie wendiger, agiler, kreativer wird.

 

Die Workhacks:

 

#1 Retrospektive: Das Team setzt sich alle zwei Wochen zusammen und redet total meta über die bisherige Zusammenarbeit und Wünsche für die Zukunft, statt über To Do's, KundInnen und Schiefgelaufenes. Soll Wunder wirken.

 

#2 Beschwerdefreier Montag: Die Positive Psychologie besagt: Wenn du dich über eine Beschwerde einer Kundin oder ein Fehlverhalten eines Kollegen ärgerst, verlängerst du dein eigenes Leid. Besser: denke Positives. Klingt wie aus der Coca-Cola-Werbung und dauert laut Lydia Schültken Jahre, bis man es schafft. Aber man wird sensibler für das eigene Gejammer. Und das tut uns ÖsterreicherInnen ja auch mal gut.

 

#3 Lunch-Roulette: Zugegeben, meist gehen wir mit dem Lieblingskollegen essen und reden über das immergleiche Thema. Beim Lunch-Roulette daten wir Unbekannte. Natürlich rein zu beruflichen Zwecken, aus anderen Abteilungen. Plötzlich kennen wir einander und die Kommunikation flutscht auch abteilungsübergreifend. Einiges geht schneller.

 

#4 Time Boxing: Diese Methode aus dem Scrum arbeitet mit Zeitdruck:  Jede Aktivität, jeder Termin, jedes Meeting wird relativ eng getimeboxt (tolles Wort, uiui).  Weil das Schlimmste in Meetings laut Lydia Schültken ist, "wenn einer beim Reden zu denken beginnt". Und diese famosen ZeitgenossInnen kennen wir doch alle. Also: Die Uhr gibt vor, wann es zu Ende geht. Das funktioniert auch wunderbar bei Brainstormings, wie ich nur bestätigen kann.  Zeitdruck macht kreativ. 

 

#4 Krötentag: Ja, wir haben ständig To do's, die wir priorisieren und abarbeiten, priorisieren und.. zwischendrin gehen wir nach Hause. Am Krötentag werden nur Checks gemacht: Was kann weg, was muss bleiben. Was schiebe ich prokrastinierend vor mir her wie einen schweren Müllsack, der eh niemanden mehr interessiert?

 

#5 Why-Talk: Das hat Lydia Schültken vom wunderbaren Simon Sinek. Das liebe Warum. Das sollten wir uns einmal im Halbjahr fragen: 1. Warum bin ich hier? 2. Warum bin ich nicht woanders? 3. Warum mach ich das eigentlich? Das kann laut Lydia Schültken sehr inspirierend sein, natürlich aber auch zerstörerisch. Gut ist die Antwort auf der Ebene Individuum, Team, Unternehmen. Wichtig: hier ist auch Raum für schlimme Stille. Wenn keiner was sagt, dann ist das so.

 

 #6 Culture Book:  Zappos hat es vorgemacht und KundInnen, Zulieferer und MitarbeiterInnen befragt: "Was ist Zappos für dich?". Aus den unzensurierten! Zitaten hat man eine nette kleine Broschüre fabriziert, quasi als unternehmenskulturelles Give-away. Nette Idee, vor allem, weil die Chefitäten das Culture Book zeitgleich mit der Belegschaft erhalten.

 

#7 Fokuszeit: Kreativität braucht Zeit - und vor allem Fokus. Das geht im Großraumbüro meist so gut wie nicht. 15-18 Minuten braucht man laut der Beraterin, um in ein Thema konzentriert einzutauchen. Laut Studien wird man alle 2 minuten gestört. Daher empfiehlt Schültken: 60 Minuten Fokuszeit, am besten im gesamten Unternehmen. Keine Anrufe, der Anrufbeantworter erklärt`s, die MitarbeiterInnen halten den Rand und konzentrieren sich auf ihre Aufgabe. Klingt nach einer echten Wohltat.

 

 

Impressionen vom HR Inside Summit:

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Nicole Thurn

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